Übergewicht und insbesondere Fettleibigkeit (Adipositas) sind bekannte Krebsrisikofaktoren. Der Anteil aller Krebserkrankungen, der darauf zurückzuführen ist, wurde in bisherigen Untersuchungen auf etwa zwei bis acht Prozent geschätzt. Hermann Brenner, Epidemiologe in DKFZ, hegt jedoch schon seit längerem den Verdacht, dass dieser Risikoanteil aufgrund methodischer Verzerrungen bislang unterschätzt worden sein könnte. Mit seinem Team analysierte er daher nun die Daten von 458.543 Frauen und Männern, die in der britischen UK Biobank gespeichert waren, auf die Zusammenhänge zwischen Übergewicht und Krebs.
Die Teilnehmenden wurden im Median fast zwölf Jahre lang beobachtet. Während dieses Zeitraums traten mehr als 50.000 neue Krebserkrankungen auf.
Gewicht und Größe allein reichen nicht aus
Die meisten Studien zu Übergewicht und Krebs stützten sich auf den Body-Mass-Index (BMI), der aus dem Gewicht und der Körpergröße berechnet wird. Der BMI unterscheidet jedoch nicht zwischen Fett- und Muskelmasse und liefert keine Informationen darüber, wo sich Fett im Körper ansammelt. Doch gerade das Fett im Bauchraum gilt als besonders stoffwechselaktiv und steht in engem Zusammenhang mit Entzündungsprozessen und anderen Mechanismen, die Krebs begünstigen können.
Die DKFZ-Forschenden verglichen deshalb neben dem BMI auch den Taillenumfang sowie das Taille-Hüft-Verhältnis als Maße für die Fettverteilung. Diese Parameter erwiesen sich als deutlich aussagekräftiger für das Krebsrisiko.
Methodische Verzerrung: Krebs führt oft schon vor der Diagnose zu Gewichtsverlust
Brenner und sein Team gingen in der aktuellen Untersuchung außerdem ein bislang unterschätztes methodisches Problem an: Viele Tumoren verursachen bereits Jahre vor ihrer Diagnose einen ungewollten Gewichtsverlust. Dadurch erscheinen Betroffene zum Zeitpunkt der tatsächlichen Diagnose schlanker, was den statistischen Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krebs abschwächt.
Um mögliche Verzerrungen durch den Gewichtsverlust vor der Diagnose zu vermeiden, schlossen die Forscher schrittweise die ersten Jahre nach Studieneintritt der Teilnehmer aus. Dadurch wurde der Zusammenhang tatsächlich wesentlich deutlicher. Die Erklärung dafür: Ein relevanter Anteil der Krebserkrankungen, die in den ersten Jahren der Nachbeobachtung diagnostiziert wurden, war vermutlich bereits bei Studienantritt vorhanden und hatte bereits zu einem Gewichtsverlust der Betroffenen geführt.
Mehr als zehn Prozent aller Krebsfälle könnten vermeidbar sein
Zusammengefasst ergaben die neuen Analysen deutlich höhere Werte für den Anteil aller Krebserkrankungen, der auf Übergewicht zurückzuführen ist. Unter Berücksichtigung aller methodischen Verbesserungen der Analysen stieg der ermittelte Anteil der durch Übergewicht verursachten Krebsfälle von rund 5,5 Prozent auf bis zu 11,5 Prozent. Damit könnte mehr als jede zehnte Krebserkrankung mit überschüssigem Körperfett zusammenhängen.
Frauen scheinen stärker betroffen
Die Auswertungen deuten außerdem darauf hin, dass der durch Übergewicht bedingte Anteil der Krebserkrankungen bei Frauen höher sein könnte als bei Männern. Auch bei jüngeren Erwachsenen unter 60 Jahren könnte das Körperfett tendenziell eine größere Rolle spielen.
Nach Einschätzung von Hermann Brenner unterstreichen die Ergebnisse die Dringlichkeit, der weltweiten Zunahme des Übergewichts entschlossen entgegenzutreten. „Da die Verbreitung des Übergewichts in den meisten Ländern weiter zunimmt und die Bevölkerung gleichzeitig altert, dürfte die Zahl der dadurch verursachten Krebserkrankungen künftig weiter deutlich steigen. Effektive Strategien zur Vorbeugung und Behandlung des Übergewichts könnten daher einen wesentlich größeren Beitrag zur Krebsprävention leisten als bislang angenommen,“ fasst Brenner die Bedeutung der neuen Ergebnisse zusammen.
Publikation:
Luna Kiran Adhikari; Fatemeh Safizadeh; Marko Mandic; Hermann Brenner: Excess Weight May Account for More than Ten Percent of all Cancers: The Underestimated Impact of the Obesity Epidemic.
Cancer Communications 2026, DOI: 10.34133/cancomm.0040