Strategische Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

Ansporn für kliniknahe Krebsforschung: Joint Funding Wettbewerb zeichnet herausragende Therapie- und Diagnoseverfahren aus

Nr. 05 | 02.02.2016 | von AM

Der enorme Wissenszuwachs in der Krebsforschung stellt Ärzte und Wissenschaftler vor die Frage, wie Patienten von den neuen Erkenntnissen möglichst rasch profitieren können. Der Joint Funding Wettbewerb des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung (DKTK)* setzt hier neue Impulse, um den Wissenstransfer in die Kliniken zu beschleunigen. In diesem Jahr zeichnete das Konsortium vier Studien aus, die Ansätze für maßgeschneiderte Krebstherapien, ein Diagnoseverfahren zur Früherkennung von Prostatakrebs und die Immuntherapie für den Einsatz bei Kindern in der klinischen Praxis prüfen. Im DKTK verbindet sich das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg als Kernzentrum langfristig mit onkologisch besonders ausgewiesenen Universitätskliniken in Deutschland.

Das DKFZ betreibt eines der größten Zentren zur Entschlüsselung des Erbguts. Um charakteristische DNA-Veränderungen aufzudecken, werden Hochdurchsatz-Sequenzierer eingesetzt.
© Tobias Schwerdt, DKFZ

Die klinischen Studie „IVacALL“ prüft die Wirksamkeit von Tumorimpfungen bei Kindern, die an Leukämie erkrankt sind. Rückfälle nach einer Chemo- oder Stammzelltherapie sind ein großes Problem. Maßgeschneiderte Impfstoffe eröffnen hier neue Behandlungsmöglichkeiten: Das Immunsystem der kleinen Patienten wird gezielt darauf trainiert, die Proteinveränderungen von Krebszellen zu erkennen und aus eigener Kraft zu bekämpfen. Eine Impfung mit den veränderten Proteinabschnitten („Peptiden“) kann Immunzellen gezielt gegen den Tumor richten.

„Im ersten Schritt werden wir umfangreiche Erbgut-Analysen von Tumor- und Normalgewebe eines Patienten vornehmen, um die krebstypischen Veränderungen zu identifizieren“, erklärt Peter Lang von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Tübingen. „Anschließend wird jeder Patient mit einem individuell angepassten Peptidcocktail geimpft.“ Die im Rahmen der Studie entwickelte Tumor-Datenbank legt damit den Grundstein, um die Behandlungsmöglichkeiten für erkrankte Kinder langfristig zu verbessern. „Durch den technischen Fortschritt der letzten Jahre im Bereich der Genomsequenzierung werden diese umfangreichen Datensätze für immer mehr Patienten verfügbar und können für individuelle Therapien eingesetzt werden“, sagt Hans-Georg Rammensee von der Universität Tübingen, der die IVacALL-Studie mitkoordiniert.

Früherkennungsverfahren zu Prostatakrebs geht mit Joint Funding in die nächste Phase

Ebenfalls ausgezeichnet wurde die klinische Studie „Ga-PSMA-11 bei Hochrisiko-Prostatakrebs“, die im DKFZ entwickelt wurde. Das Forschungsvorhaben baut auf einem völlig neuen Verfahren zur Erkennung von Prostatakrebs auf. In Prostatakrebszellen ist das sogenannte PSMA (Prostata-spezifisches Membran Antigen), ein Rezeptor der Zellmembran, um das 100- bis 1000fache hochreguliert. Mit Hilfe einer radioaktiven Substanz, die spezifisch an PSMA koppelt, wird diese Anreicherung sichtbar, und kann so im Tumorgewebe präzise dargestellt werden. „Es gibt derzeit für Prostatakrebs keine zuverlässigen, nicht-invasiven Früherkennungsmethoden, mit denen der Status eines Prostatakarzinoms sicher erhoben werden kann." sagt Klaus Kopka vom DKFZ. „Mit der Joint Funding-Förderung können wir die PSMA-Diagnose jetzt an den DKTK-Standorten in klinischen Studien erproben.“ Die DKTK-Forscher wollen eine große Anzahl an Gewebeproben von Prostatakrebs untersuchen und die Befunde mit der PSMA-Vorhersage korrelieren. Die Methode birgt darüber hinaus möglicherweise einen neuen Ansatz für die Krebstherapie.
„Mit der Joint Funding Förderung und in Zusammenarbeit mit den Universitätskliniken der DKTK-Standorte können wir die PSMA-Diagnose jetzt in die klinische Prüfung der Phasen I und II bringen“, freut sich der Leiter der Klinischen Prüfung Frederik Giesel von der Klinik für Nuklearmedizin des Universitätsklinikums Heidelberg und klinischer Koordinator des Projekts. "Auf diese Weise können wir die Gewebebefunde mit der PSMA-PET/CT-Bildgebung direkt korrelieren und die Methode präzise evaluieren". Mit einem stärker strahlenden radioaktiven Marker gekoppelt könnte die PSMA-bindende Substanz zukünftig auch für eine innere Bestrahlung eingesetzt werden, um Tumore zielgerichtet zu zerstören.

Kenne deinen Feind: Nicht-kodierende Mutationen verändern die Genaktivität bösartiger Tumore

Bei genetischen Tumoranalysen konzentrierte man sich bislang auf Mutationen, die zu veränderten Proteinen führen. Sie gelten häufig als Auslöser für bösartige Tumoren. Das Projekt „Identifying and understanding non-coding mutations in cancer genomes“ geht jetzt einen wichtigen Schritt weiter und spürt Mutationen in Krebszellen auf, die nicht zu veränderten Proteinen führen, sondern in Regionen liegen, die die Aktivität wichtiger Krebsgene verändern. Geplant sind Untersuchungen speziell an Tumoren der Haut (Melanome) und des Gehirns (Glioblastome). „Wir sind begeistert von aktuellen Forschungsergebnissen unserer Kollegen aus Heidelberg und Essen, deren Arbeiten - unter großer weltweiter Beachtung – die Bedeutung nicht-kodierender Mutationen offenbart haben. Diese Mutationen in gemeinsamer Anstrengung erfassen und analysieren zu können, bietet eine große Chance, den Ursachen der Krebserkrankung vertieft auf die Spur zu kommen“, sagt Alfred Nordheim von der Universität Tübingen.

Patientenspezifische Tumorprofile werden deutschlandweit erfasst

Um maßgeschneiderte Therapien geht es bei dem DKTK-Projekt „Molecular Stratification Program“ im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg. Hinter dem Begriff „Stratifizierung“ verbirgt sich das Vorhaben, Patienten mit zunächst gleicher Diagnose anhand molekularer Befunde bestimmten Untergruppen zuzuordnen, um ihnen eine möglichst passgenaue Therapie anbieten zu können. Das Projekt fördert den Aufbau zentraler Datenbanken, in denen Gendefekte und Veränderungen der Genaktivität von Tumoren gespeichert werden. Mithilfe der Tumorprofile können Kliniken ihre Behandlung individuell auf Patienten abstimmen. Stefan Fröhling vom NCT ist zuversichtlich, „dass sich das Programm als Triebfeder einer erfolgreichen Individualisierung von Krebsmedizin erweisen wird und gleichzeitig der angewandten Grundlagenforschung neue Impulse geben kann.“

Wilko Weichert, der das Projekt an der Technischen Universität München mitkoordiniert, sagt: „Wir freuen uns sehr über den gewonnenen Wettbewerb und sind davon überzeugt, dass es gelingen wird, durch Bündelung der im DKTK vorhandenen Expertise die Therapiemöglichkeiten für Krebspatienten deutschlandweit zu verbessern.“

*Das Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK) ist eine gemeinsame, langfristige Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), der beteiligten Bundesländer, der Deutschen Krebshilfe und des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und wurde als eines der sechs Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZGs) gegründet. Mit dem DKFZ kooperieren Forschungseinrichtungen und Kliniken an Standorten Berlin, Dresden, Essen/Düsseldorf, Frankfurt/Mainz, Freiburg, Heidelberg, München und Tübingen, um optimale Bedingungen für die kliniknahe Krebsforschung zu schaffen. Das Konsortium fördert interdisziplinäre Forschungsthemen an der Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung und Klinik, sowie klinische Studien zu innovativen Therapie- und Diagnoseverfahren. Ein weiterer Schwerpunkt ist der Aufbau von Forschungsplattformen, um den Einsatz personalisierter Krebstherapien zu beschleunigen und die Diagnose und Prävention von Krebserkrankungen zu verbessern.

Mehr Informationen unter http://www.dkfz.de/de/dktk/

Ein Bild zur Pressemitteilung steht im Internet zur Verfügung:
http://www.dkfz.de/de/presse/pressemitteilungen/2016/bilder/DKFZ_Sequenzer_1716.jpg
Legende: Das DKFZ betreibt eines der größten Zentren zur Entschlüsselung des Erbguts. Um charakteristische DNA-Veränderungen aufzudecken, werden Hochdurchsatz-Sequenzierer eingesetzt.
Quelle: Tobias Schwerdt, DKFZ

Ansprechpartner für die Presse:

Dr. Stefanie Seltmann
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Krebsforschungszentrum
Im Neuenheimer Feld 280
69120 Heidelberg
Tel.: +49 6221 42-2854
Fax: +49 6221 42-2968
E-Mail: S.Seltmann@dkfz.de
www.dkfz.de

Dr. Alexandra Moosmann
Deutsches Krebsforschungszentrum
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Konsortium für Translationale Krebsforschung
Im Neuenheimer Feld 280
69120 Heidelberg
Phone: +49 6221 42 1662
Email: a.moosmann@dkfz-heidelberg.de
www.dkfz.de/de/dktk

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1.300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Beim Krebsinformationsdienst (KID) des DKFZ erhalten Betroffene, interessierte Bürger und Fachkreise individuelle Antworten auf alle Fragen zum Thema Krebs. Gemeinsam mit Partnern aus den Universitätskliniken betreibt das DKFZ das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) an den Standorten Heidelberg und Dresden, in Heidelberg außerdem das Hopp-Kindertumorzentrum KiTZ. Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines Helmholtz-Zentrums an den NCT- und den DKTK-Standorten ist ein wichtiger Beitrag, um vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik zu übertragen und so die Chancen von Krebspatienten zu verbessern. Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.

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