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„Man lernt, nicht jedes Blümchen zu pflücken, das am Wegesrand steht.“

Das Deutsche Krebsforschungszentrum gibt herausragenden Wissenschaftlern die Möglichkeit, auch nach dem Erreichen des Pensionsalters ihre Forschung fortzusetzen und ihre Expertise einzubringen. Zu den aktuell vier Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im DKFZ, die im Rahmen einer Helmholtz-Professur forschen, zählt auch Ingrid Grummt. einblick hat mit der renommierten Zellbiologin über ihre Rolle als Seniorforscherin und die Anfänge ihrer Karriere gesprochen.

Frau Grummt, viele Menschen haben Angst vor dem Alter. Sie verbinden damit vor allem Einschränkungen und den Verlust an Lebensqualität. Studien zeigen aber, dass ältere Menschen genauso zufrieden sind wie jüngere. Überrascht Sie das?

Grummt: Meine Zufriedenheit ist jetzt größer als mit 45! Man ist entspannter, auch im Beruf: Man kann jetzt viel leichter mal nein sagen. Da kommt dann diese Kommission oder jene Einladung zu einem Vortrag – als junger Mensch quetscht man das dann doch noch irgendwo rein. Aber jetzt sage ich „nein“. Außerdem ist es auch schön, angekommen zu sein. Bei jungen Wissenschaftlern ist die Unsicherheit ja noch groß und sie wissen lange Zeit nicht, wo sie einmal leben werden.

Viele Forscher suchen nach Wegen, wie sich die Lebensspanne des Menschen noch weiter verlängern lässt. Würden Sie selbst überhaupt 150 Jahre alt werden wollen?

Wenn man gesund bliebe, einigermaßen passabel aussähe und das Gedächtnis noch funktionierte, dann ja. Das ist aber eben nicht so. Und man merkt selber, dass man nicht mehr so funktioniert wie früher. Noch vor zehn Jahren bin ich auf 5000er gestiegen, und das tue ich eben jetzt nicht mehr. Man läuft langsamer, man hat auch mehr Mühe – aber einen 4000er schaffe ich schon noch (lacht).

Forschung lebt von der Neugier. Würden Sie sagen, dass Sie noch genauso neugierig sind wie früher?

Ja! Genauso neugierig und ungeduldig. Und das ist auch wichtig. In unserem Job hat man ja nicht einen 8-Stunden-Tag. Aber ich sage mir: Mensch, das ist wie ein Puzzle, was ich jetzt noch fertigmachen möchte. Ich will das wissen. Und wenn ich das noch heute wissen kann oder morgen und nicht erst nächste Woche, dann bleibe ich auch an der Sache dran.

Welche Rolle spielt in der Wissenschaft der Faktor Erfahrung?

Eine große! Das gilt zum einen für das Experimentelle, aber vor allen Dingen auch dafür, welche Fragen wichtig sind. Dass man zum Beispiel nicht jedes Blümchen pflückt, das am Wegesrand steht. Oder dass ich in ein Paper nicht alles hineinkleistere, was ich weiß, sondern dass ich versuche, eine Story zu erzählen. Das ist Erfahrung.

Im Studium lernt man ja noch sehr viele verschiedene Aspekte kennen. Spätestens während der Doktorarbeit verengt sich dann der Fokus immer mehr...

Na, Gott sei Dank. Mich hat das Biologiestudium überhaupt nicht fasziniert. Ich wollte eigentlich Theaterwissenschaften studieren. Aber dann hat man die Mauer gebaut. Biologie war mein zweiter Studienwunsch, weil ich dachte, da hast du sowieso keine Chance und dann musst du nicht Lehrer werden. Ich habe die Taxonomie und das Malen der Zellen, die nach Meinung des Professors bei mir immer ausliefen, nie gemocht. Gut, heutzutage hätte man gesagt, dann studiere ich halt was anderes. Das ging eben nicht. Erst als ich dann in Berlin-Buch die Diplomarbeit machte, als es um Moleküle und Mechanismen ging, da wurde es interessant. Ich liebe Tiere, ich liebe Pflanzen. Aber ich muss sie nicht trocknen, ich muss sie nicht bestimmen.

Wie genau sind Sie zu Ihrem Forschungsthema gekommen?

Das ist tatsächlich eine Nachwirkung meiner Doktorarbeit, als ich noch mit E. coli gearbeitet habe. Da hat dann – etwas sarkastisch gesagt – die Partei beschlossen: Bakterien bringen den Sozialismus nicht voran, es müssen schon eukaryotische Zellen sein. Und da hatte ich dann die Idee, die Regulation ribosomaler Gene im Nukleolus zu untersuchen.

Sie haben 1970 promoviert. Wie war zu dieser Zeit das Verhältnis zwischen den Doktoranden und ihren Chefs?

Im Vergleich zu heute liegen da Welten dazwischen. Ich musste nach Berlin-Buch immer eine Stunde mit dem Bus oder der S-Bahn fahren. Da stand zwischen dreiviertel acht und acht der Chef in der Tür und hat jeden begrüßt. Wenn man mal zehn nach acht da war, wurde man mit „Mahlzeit!“ begrüßt. Es waren derartig hierarchische Strukturen! Und deshalb habe ich an meine Doktorarbeit auch keine besonders gute Erinnerung.

Viele Ihrer ehemaligen Mitarbeiter sind inzwischen selbst erfolgreiche Wissenschaftler. Stehen Sie noch mit einigen von ihnen in Kontakt?

Ja! Zu meinem 70. Geburtstag habe ich dreißig meiner früheren Doktoranden eingeladen und eine große Feier gemacht. Das war so schön! Gut, die meisten Späße gingen auf meine Kosten, das ist schon klar. Aber im Ernst: Das ist der beste Teil unseres Berufs, die jungen Leute ins Leben zu entlassen und ihnen etwas mitzugeben. Da kommen die zu einem, wissen nicht viel und sind meistens unsicher, wenn sie mal hier im Seminar ein paar Sätze sagen müssen. Und dann nach drei Jahren stehen die gleichen Leute selbstbewusst da und wissen, wovon sie sprechen. Also das ist richtig schön.

Haben Sie sich im Nachhinein mal überlegt, wie es gewesen wäre, wenn Sie doch Theaterwissenschaften hätten studieren können?

Natürlich habe ich mir das überlegt. Und jetzt denke ich: Mensch, ein Glück, dass dein Leben so verlaufen ist und nicht anders. Denn hin und wieder sehe ich Inszenierungen, die so wunderbar sind und frage mich dann: Meine Güte, ob das deine Stärke gewesen wäre, diese enorme Kreativität? Aber vielleicht wäre es auch gutgegangen, ich weiß es nicht. Ich bin glücklich in meinem Beruf, ich habe nichts zu meckern.

Das Interview führte // Frank Bernard

© DKFZ/Schwerdt

Ingrid Grummt, Jahrgang 1943, begann ihre wissenschaftliche Karriere an der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin. 1972 floh sie mit Mann und Kind in den Westen. Nach beruflichen Stationen am Max-Planck-Institut für Biochemie in München und an der Universität Würzburg kam sie 1990 als erste Abteilungsleiterin ins DKFZ. Die Zellbiologin wurde mit einer Reihe hochkarätiger wissenschaftlicher Preise ausgezeichnet, darunter der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis und der „Women in Science Award“.

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