Strategische Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

Bloggen gegen Krebs

Über die eigene Krebserkrankung schreiben? Sie in Bildern und Worten dokumentieren? Und das Tagebuch dann öffentlich machen? Für die einen unvorstellbar – für die anderen eine Befreiung. Auf Facebook oder in Blogs erzählen vor allem junge Menschen über ihr Leben mit Krebs. Sie schreiben, um andere Menschen aufzuklären. Sie schreiben, um Mut zu machen und aufzumuntern. Und sie schreiben vor allem für sich selbst.

#FUCKOFFHENRY

© Janine Schmidt

Mit Humor und Ehrlichkeit schreibt Janine auf ihrem Blog #FUCKOFFHENRY über ihr Leben mit und nach dem Krebs. „Ich schreibe über diese Zeit mit einer gewissen Leichtigkeit, damit Betroffene und Angehörige keine Angst haben, meine Texte zu lesen.“

Im Mai 2013 entdeckten die Ärzte bei Janine ein Non-Hodgkin-Lymphom, das sich unter ihrem Brustbein gebildet hatte. „Ich habe mich entschieden zu kämpfen. Gegen den Krebs, den ich Henry taufte“, erzählt die Berlinerin. Der Name Henry sei einfach aus ihrem Unterbewusstsein gekommen.

Der Kampf gegen Henry dauerte mehrere Monate und Chemotherapie- Zyklen an. In dieser Zeit hat Janine ihre Gedanken und Gefühle niedergeschrieben, aber erst nach den Chemos startete sie ihren Blog. „Ich habe mir sehr lange überlegt, ob ich meine Krankheit öffentlich machen soll“, erklärt die 34-Jährige, „aber meine Familie und Freunde haben mich dazu ermutigt.“

Auf Janines Blog gibt es von ihr selbst fast keine Bilder. „Ich hatte weder Haare im Gesicht noch auf dem Kopf. Man baut da eine gewisse Distanz zu seinem Äußeren auf.“ Texte seien für sie der geeignete Rahmen, um über ihre Krankheit zu berichten. Und über ihr Engagement als ehrenamtliches Kuratoriumsmitglied der Krebsstiftung Berlin.

Ein Jahr nach der Diagnose, am 13. Mai 2014, schrieb Janine: „Dann holte sie – also meine Ärztin – tief Luft und sagte: ‚Das Tumorvolumen hat sich maßgeblich verkleinert. Wir gehen davon aus, dass keine aktiven Krebszellen mehr vorhanden sind.‘ Ich musste mich nochmals absichern und fragte nach: ‚Bedeutet das, wir können eine Flasche Sekt aufmachen?‘ ‚Ja, das können Sie!‘“.

Cancelling Cancer kein Weg zu weit

© NDR/Thorsten Jander

„Ich weiß leider nicht mehr, wie er es gesagt hat und was genau er alles gesagt hat. Ich weiß aber noch ganz genau, wie mein Vater, der mich begleitet hat, dann fragte: ‚Das ist jetzt aber nicht das, was man so umgangssprachlich als Darmkrebs bezeichnet?‘ Und der Arzt dann antwortet: ‚Doch. Das ist Darmkrebs.‘ Das war der 18. Mai 2010. Ich war 20 Jahre alt. Viel mehr kann ich zu diesem Tag nicht sagen …“

Diese Zeilen hat Benjamin Wollmershäuser drei Jahre nach der Diagnose in seinen Blog geschrieben. Seitdem berichtet er fast täglich aus seinem Leben mit der Krebserkrankung. Cancelling Cancer – Kein Weg zu weit hat Benni den Blog und seine Facebook-Seite getauft. „Kein Weg zu weit – für eine erfolgversprechende Therapie nimmt man einiges auf sich“, erklärt er.

Vor sechs Jahren entdeckten die Ärzte bei Benni einen zehn Zentimeter großen Tumor im Dickdarm. Kurze Zeit später erhielt auch seine Mutter die Diagnose Darmkrebs. Drei Jahre musste Benni mehrere Chemo- und Strahlentherapien und drei große Operationen durchstehen, bei denen die Ärzte versuchten, den Tumor zu entfernen. Seine Mutter verlor den Kampf gegen den Krebs und starb 2013 – am Muttertag. Seit zwei Jahren bekommt Benni eine Erhaltungstherapie, durch die sich der Krebs im Moment nicht weiter ausbreitet. Eine Chance auf Heilung hat er nicht. „Ich bin zu gesund, um todkrank zu sein, und zu krank, um einen normalen Alltag zu leben“, versucht Benni seine Situation zu erklären.

Der 26-Jährige sitzt entspannt im Schneidersitz auf dem grauen Sofa im Dachgeschoss seiner Wohnung in Schwäbisch Hall, wo er mit seiner Verlobten Sabrina wohnt. Benni trägt ein blaues Poloshirt, Jeans und Hausschuhe. Im Wohnzimmer wuseln die Meerschweinchen in ihrem Käfig herum. „Die ersten Jahre konnte ich mir nicht vorstellen, über meine Krankheit öffentlich zu schreiben“, erzählt er. „Ich hatte noch zu viele andere Sachen im Kopf.“ Erst drei Jahre nach der Diagnose veröffentlichte er seinen ersten Blogbeitrag. Anfangs wollte er nur seine Familie über seinen Zustand informieren. „Dann habe ich aber so viele Rückmeldungen auch von fremden Leuten bekommen, die selbst Darmkrebs haben oder Angehörige von einem Patienten sind. Da fing ich an, die Leute über Krebs aufzuklären“, erzählt Benni begeistert. Und genau das macht er auf seinem Blog: Er spricht in einem Video über seine Impotenz, unter der er seit den Operationen leidet, er postet Bilder von sich mit seinem Stoma-Beutel, er trauert um verstorbene Freunde und lässt alle an seinem Leben teilhaben. „Ich möchte mit meinem Blog Tabuthemen wie Impotenz und Inkontinenz ansprechen und mich mit anderen jungen Patienten austauschen. Außerdem möchte ich zur Darmkrebsvorsorge aufrufen“, beschreibt Benni die Schwerpunkte in seinem Blog. Besonders wichtig sei es ihm dabei, authentisch zu sein. Lächelnd sagt er: „Ich schreibe so, wie ich schwätze – mit Dialekt!“ Benni ist ein lebensfroher Mensch, und das möchte er auch in seinem Blog vermitteln: „Ich will nicht im Selbstmitleid ertrinken. Ich will den Leuten zeigen, dass man auch mit der Diagnose ein schönes Leben haben kann!“

Benni schreibt aber nicht nur für andere – der Blog stützt auch ihn selbst. Begeistert erzählt er über seinen Alltag und den Blog, als es um seinen Gesundheitszustand geht, wird Benni ruhiger. Er trinkt einen Schluck Wasser und stellt das Glas ab. „Es gibt Dinge, die mich so beschäftigen, dass ich an manchen Tagen nicht mehr aus dem Haus gehe. Genau dann ist der Austausch mit anderen Betroffenen so wichtig.“ Deshalb hat Benni neben seinem Blog eine Facebook-Gruppe gegründet, in der sich Krebsblogger vernetzen können. „Ich wollte die Menschen hinter den Blogs kennenlernen“, sagt er und lächelt wieder. Dabei ist Benni selbst überrascht, dass es immer mehr Blogger gibt. „Gerade für seltene Erkrankungen, wie Darmkrebs bei jungen Menschen, ist es toll. Zu manchen Themen findet man auf offiziellen Internetseiten nicht viel und kann sich stattdessen mit Hilfe der Blogs informieren.“ In seiner Gruppe seien richtige Freundschaften unter den Bloggern entstanden – es habe sich sogar ein Paar gefunden. Warum gibt es so wenige Männer in dieser Community? Benni muss erst einmal lachen: „Das frage ich mich auch! Man gibt im Blog schon viel über sich preis, und über Gefühle zu reden, das ist nicht so das typische Männerding.“ Benni tut aber genau das: Er verrät viel von sich. Und bekommt darauf viele Reaktionen. „Die positiven Rückmeldungen geben mir die Motivation weiterzumachen“, betont Benni.

Offen. Lebensbejahend. Engagiert. So beschreibt Benni seinen Blog. Drei Jahre sind seit seinem ersten Eintrag vergangen. Heute postet er neben Updates zu seiner Krankheit aber auch andere Dinge aus seinem Alltag: „Mir geht’s ganz gut soweit. Ach ja, apropos Blumenstrauß, wir hatten letzte Woche auch den ersten Termin beim Floristen – für die Hochzeit.“

Marie gegen Krebs

© Chanel Martin

Für die junge Mutter Chanel Martin aus Frankfurt war von Anfang an klar, dass sie den Kampf gegen den Krebs gewinnen würde. Diesen Mut und Optimismus wollte sie mit ihrem Blog an andere Patienten weitergeben – anders als Janine vor allem mit der Hilfe von Bildern. Als sie keine Haare mehr auf dem Kopf hatte, ließ sie professionelle Fotos von sich machen. „Ich wollte anderen krebskranken Frauen zeigen, dass man immer noch ein hübscher Mensch ist. Man ist jemand. Nicht einfach nur eine kranke Person.“ Die Diagnose Lymphdrüsenkrebs bekam Chanel Ende 2013. Kurz danach begann sie zu schreiben. „Anfangs war es für mich eine Art Selbsttherapie“, erzählt die 26-Jährige. Sie wollte sich aber nicht öffentlich zu ihrer Krankheit bekennen und schrieb unter ihrem Zweitnamen Marie. Ihren Blog taufte sie Marie gegen Krebs. Im Januar filmte sich Chanel dabei, wie sie ihre Haare abrasierte, die als Folge der Chemotherapie nach und nach ausfielen. Zuerst schickte sie das Video nur ihrer Familie. „Die waren alle stolz auf mich, also habe ich das Video auf YouTube gestellt und mein Gesicht den Bloglesern und der Welt gezeigt“, erzählt Chanel. Die Resonanz auf ihr Video ist groß: Bereits über 1 Millon Menschen haben es gesehen. Nach diesem Schritt hat Chanel in ihrem Blog ganz detailliert über ihre Chemotherapie und ihre Gefühle berichtet. „Ich wollte mich nicht mehr hinter Marie verstecken.“ Seit Mai 2015 ist Chanel offiziell „krebsfrei“. Sie arbeitet wieder, verbringt viel Zeit mit ihrer zweijährigen Tochter und schreibt für ihren Blog. „Ich merke, dass die Zahl der Leser abgenommen hat, nachdem ich geschrieben habe, dass ich gesund bin“, sagt Chanel etwas betrübt. Aber das bremst sie nicht aus: „Vielleicht habe ich bald einen neuen Blog über Kinder“, fügt sie hinzu und lacht.

Text: Sandra Kolb

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