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Viel erreicht und noch viel zu tun

Rund 120.000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr an den Folgen des Rauchens, allein 43.000 von ihnen an Lungenkrebs. Die Stabsstelle Krebsprävention des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) hat sich deshalb ein klares Ziel gesetzt: den Tabakkonsum in Deutschland so weit wie möglich zu reduzieren. Dass mittlerweile insbesondere junge Menschen immer seltener rauchen, ist nicht zuletzt dem Engagement von Martina Pötschke-Langer zu verdanken. Sie leitete die Stabsstelle seit deren Gründung vor 19 Jahren und tritt nun in den Ruhestand. Ihre Nachfolgerin Ute Mons kennt den Kampf gegen den Tabakrauch: Von 2007 bis 2012 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Stabsstelle Krebsprävention und promovierte zur Wirksamkeit der Nichtraucherschutzgesetze. Anschließend forschte sie in der Abteilung Klinische Epidemiologie und Alternsforschung insbesondere zu den Folgen des Rauchens. Der einblick sprach mit beiden über zähe Gegner und Zukunftspläne.

Stabwechsel in der Krebsprävention: Ute Mons (links) übernahm im September das Amt von Martina Pötschke-Langer.
© DKFZ/Jutta Jung

Frau Pötschke-Langer, Sie sind für Ihren Kampfgeist und Ihre Hartnäckigkeit bekannt. Ehrlich gesagt, fällt es schwer zu glauben, dass Sie sich in den Ruhestand zurückziehen. Sie haben doch sicher Pläne?

PÖTSCHKE-LANGER: Ich gehe mit frohem Herzen und unbesorgt in den Ruhestand. Vor allem weil ich weiß, ich übergebe die Stabsstelle Krebsprävention in beste Hände. So kann ich die tollen Seiten des Ruhestands genießen, werde aber auch mit Freuden eine neue Funktion übernehmen, als Vorstandsvorsitzende des Aktionsbündnisses Nichtrauchen. Als solche werde ich meine persönlichen Kontakte in Berlin nutzen und dort verstärkt die zuständigen Ministerien und Gremien beraten. Aber auch dem DKFZ bleibe ich verbunden, indem ich dem Vorstand weiterhin beratend zur Seite stehe.

Die Tabakindustrie hat sich als äußerst zäher Gegner erwiesen. Sind Sie mit dem bislang Erreichten zufrieden?

PÖTSCHKE-LANGER: Gerade was Tabakwerbeverbote angeht, gibt es noch sehr viel zu tun. Zum Beispiel haben wir das Verbot der Tabakaußenwerbung in Deutschland überhaupt noch nicht politisch gesichert. Dabei muss man sich klar machen, dass Deutschland in der Tabakkontrolle massiv hinter den EU-Standards herhinkt, insbesondere im Vergleich zu Skandinavien oder auch Großbritannien und Irland. Zudem steht dringend eine drastische Tabaksteuererhöhung an, denn die Zigaretten werden immer billiger. Hier müssen wir noch erhebliche Überzeugungsarbeit leisten, indem wir immer wieder solide wissenschaftliche Daten präsentieren. Tabaksteuererhöhungen sind das probate Mittel, den Tabakkonsum zu reduzieren, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei sozial Schwächeren, an denen gesundheitliche Aufklärung oft vorbeigeht. Und wir haben immer noch einen unvollständigen Nichtraucherschutz mit vielen Einzelregelungen und Ausnahmen, die zum Beispiel gerade in Berlin von vielen Gastronomen genutzt werden, um die Regelungen zu umgehen. Es ist also noch jede Menge zu tun.

Frau Mons, Sie kennen die Arbeit in der Stabsstelle Krebsprävention bereits sehr gut und wissen, dass schnelle Erfolge nicht zu holen sind. Was reizt sie an der Aufgabe?

MONS: Das stimmt, ich habe während meiner Jahre hier selbst die Erfahrung gemacht, dass wirklich dicke Bretter gebohrt werden müssen. Ich weiß also genau, worauf ich mich einlasse. Ich bin mit Leib und Seele Wissenschaftlerin, aber im Elfenbeinturm zu forschen, reicht mir nicht. Deshalb habe ich mir immer Themen ausgesucht, die eine gesellschaftliche Relevanz haben. Mir geht es darum, die Ergebnisse in die Öffentlichkeit zu tragen. Gerade im Bereich Tabakprävention ist es ja so: Wir wissen sehr genau, was das Rauchen anrichtet, und wir wissen auch, was getan werden muss. Es gibt dazu viele wissenschaftliche Publikationen, es gibt klare Empfehlungen – sie müssen eben umgesetzt werden. Dafür will ich mich stark machen.

Haben Sie sich bereits konkrete Ziele gesetzt?

MONS: Auf jeden Fall will ich die Erfolge, die wir bisher erreicht haben, weiter sichern. Aber oftmals sind neue Themen nicht planbar. Vieles entwickelt sich, da müssen wir möglichst schnell reagieren und gut argumentieren können. Das Thema E-Zigaretten ist ein gutes Beispiel und immer noch aktuell. Mir persönlich liegt der Nichtraucherschutz sehr am Herzen. Auch, weil ich zu dem Thema meine Doktorarbeit verfasst habe.

Ihre Vorgängerin hat sich nicht nur Freunde gemacht und hat das auch in Form persönlicher Anfeindungen zu spüren bekommen. Schreckt Sie das ab?

MONS: Ich weiß schon, worauf ich mich einlasse. Frau Pötschke-Langer war stets viel Kritik und leider auch persönlichen Angriffen ausgesetzt.

PÖTSCHKE-LANGER: Ich hatte aber zum Glück auch immer die volle Rückendeckung seitens des Vorstands und der Kollegen im Haus – ganz egal, ob es um juristischen Beistand oder um einen Shitstorm auf Facebook ging. Das war für mich sehr wichtig.

MONS: Das ist richtig. Wenn man die Fakten auf seiner Seite hat und diese große Unterstützung erfährt, lässt sich das auch ertragen. Diese öffentlichen Debatten müssen nun einmal geführt werden. Wir geben Empfehlungen ab, die gesamtgesellschaftlich wirken. Da ist es völlig verständlich, dass man nicht nur Zustimmung, sondern auch einmal Gegenwind bekommt, und andere ebenfalls ihre Positionen vertreten. Ich sehe das entspannt. Am Ende ist es Sache der Politik, die Interessen gegeneinander abzuwägen und Entscheidungen zu treffen. Die Frage ist aber, wie die Debatten geführt werden. Oft geht es nicht mehr um sachliche Argumente, sondern um Angriffe unter der Gürtellinie. Die Debattenkultur hat sich in letzter Zeit leider sehr unschön entwickelt. Grundsätzlich rechne ich also schon mit gewissen Angriffen. Wenn die ausbleiben, macht man vermutlich irgendetwas falsch. Es gibt den schönen Begriff des Scream-Tests: An der Stärke der Reaktion, also des Aufschreis der Tabakindustrie können wir ablesen, wie wirksam eine von uns abgegebene Empfehlung ist.

Frau Pötschke-Langer, welche Tipps geben Sie Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg?

PÖTSCHKE-LANGER: Ute Mons hat in vergangenen Jahren unsere Arbeit mitgetragen und ist bereits sehr erfahren. Wenn ich einen Tipp geben würde, dann den, auf das Vertrauen zu unserem Stiftungsvorstand zu bauen. Die Vorstände haben mich, gerade wenn es brenzlig werden konnte, stets in meiner Position gestärkt und mich ermutigt, eine klare Sprache zu sprechen, solange die Aussagen durch wissenschaftliche Daten und Fakten untermauert sind. Ich persönlich neige manchmal dazu, etwas überschießend zu reagieren. Das kann Ute Mons nicht passieren, sie ist eher die zurückhaltende Wissenschaftlerin.

MONS: Ja, da sind wir unterschiedliche Persönlichkeiten. Keine Frage, solide wissenschaftliche Daten sind unabdingbar, doch für die Überzeugungsarbeit braucht man auch Fingerspitzengefühl. Gerade Diskussionen zum Thema Tabakkontrolle werden oft hochemotional geführt, und dem muss ich natürlich entsprechend begegnen. Diesbezüglich werde ich mir sicherlich von Frau Pötschke-Langer noch einiges abschauen können.

Das Interview führte // Nicole Schuster

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