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Bild statt Biopsie?

Wenn die Mammografie einen Verdacht auf Brustkrebs liefert, muss in vielen Fällen eine Gewebeentnahme Klarheit bringen. Heidelberger Radiologen haben nun ein Verfahren entwickelt, das die Zahl dieser Eingriffe verringern könnte.

Von 1000 Frauen, die an einer Mammografie teilnehmen, erhalten etwa 30 die Nachricht, dass sich in ihrer Brust etwas auffällig verändert hat. Nach einer zusätzlichen Untersuchung mit Ultraschall gibt es Entwarnung für 18 der betroffenen Frauen. Bei zwölf entnehmen die Ärzte eine Gewebeprobe, um sicher entscheiden zu können, ob es sich um einen bösartigen Tumor oder nur um eine harmlose Veränderung handelt. Die Hälfte dieser Frauen erhält anschließend tatsächlich die Diagnose Brustkrebs, bei den anderen sechs war der Verdacht unbegründet. Infolge der Mammografie müssen sich in Deutschland jedes Jahr rund 34.000 Frauen einer Biopsie unterziehen, die Hälfte von ihnen eigentlich unnötig. „Für die Frauen ist das natürlich eine große psychische Belastung, wenn sie mitgeteilt bekommen, in ihrer Brust könnte ein bösartiger Tumor sein", erzählt Sebastian Bickelhaupt, Radiologe am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). „Wir haben deshalb überlegt, wie wir mit neuesten Bildgebungsverfahren möglichst schnell Klarheit schaffen und den Anteil an unnötigen invasiven Gewebeuntersuchungen reduzieren könnten."

Schneller Klarheit ohne Biopsie

Der auffällige Befund der Röntgen-Mammografie (links) bestätigt sich bei der optimierten Brust-MRT: Das orangefarbene Signal lässt auf einen bösartigen Tumor schließen.
© DKFZ/Sebastian Bickelhaupt

Ob das Gewebe gutartig oder bösartig verändert ist, können auch die geschulten Screening-Ärzte oft nicht zweifelsfrei in der Mammografie erkennen. Helfen soll ihnen zukünftig eine Technik, die bei Schlaganfallpatienten bereits regelmäßig zum Einsatz kommt: die diffusionsgewichtete Magnet-Resonanz-Tomographie. Die Radiologen passten das Verfahren zunächst für die Brustdiagnostik an. Sie nutzen hier die Tatsache, dass Zellen in einem Tumor in der Regel deutlich dichter gepackt sind als in gesundem Gewebe. „Das Besondere an dieser Art der MRT ist, dass man die Bewegung der Wassermoleküle im Gewebe sieht", erklärt Heinz-Peter Schlemmer, Leiter der Radiologie im DKFZ. „Da Tumoren die Bewegung der Moleküle stark einschränken, wollten wir nun prüfen, ob wir mit unserer optimierten Brust-MRT verdächtige Befunde ohne Biopsie abklären können."

Die Dietmar Hopp-Stiftung unterstützte eine Studie, die die Zuverlässigkeit des neuen Verfahrens prüfen sollte. Die Wissenschaftler des DKFZ arbeiteten dabei eng mit der radiologischen Gemeinschaftspraxis der Heidelberger ATOS-Klinik um Wolfgang Lederer sowie mit dem Radiologiezentrum Mannheim um Heidi Daniel zusammen. In ihren Praxen fand das Mammografie-Screening statt. Insgesamt 200 Frauen mit auffälligem Befund nahmen an der Studie teil. „Wir haben die Frauen gefragt, ob sie bereit wären, für unsere Studie vor der Gewebeentnahme eine optimierte Brust-MRT machen zu lassen", erklärt Heidi Daniel. Anschließend verglichen die Radiologen die Ergebnisse der MRT-Untersuchung mit den Ergebnissen der Biopsie.

Präzise Vorhersage

„Wir waren bereits nach den ersten 50 untersuchten Frauen begeistert: Durch die zusätzliche optimierte Brust-MRT konnten wir etwa 90 Prozent der auffälligen Befunde zutreffend als gutartig oder bösartig einstufen und die Ergebnisse der Biopsie vorhersagen. Das ist gegenüber der Rate von 50 Prozent, wie sie mit der Mammografie und anschließendem Ultraschall erreicht wird, eine enorme Steigerung", sagt Sebastian Bickelhaupt.

Auch Heinz-Peter Schlemmer freut sich über die ersten Ergebnisse: „Mit Hilfe dieser Methode könnten wir vielen Frauen mit auffälligem Befund schon direkt Entwarnung geben und ihnen die Gewebeentnahme ersparen." Ein großer Vorteil dieser Variante der MRT liegt darin, dass sie praktisch keine Nebenwirkungen hat. Für die Untersuchung ist weder eine Kompression der Brust notwendig, noch kommen Kontrastmittel oder Röntgenstrahlung zum Einsatz. Vor allem aber ist sie schnell: Die MRT dauert nur etwa 15 Minuten, der Befund einer Biopsie lässt dagegen oft Tage auf sich warten.

Bei erhärtetem Verdacht weiterhin Biopsie notwendig

Doch auch wenn die Ergebnisse vielversprechend sind, das Mammografie-Screening ersetzen kann die neue Methode nicht. „Die MRT ist als eine zusätzliche Maßnahme bei auffälligen Befunden in der Mammografie gedacht", erklärt Schlemmer. Kleine Kalkherde im Gewebe, sogenannte Mikroverkalkungen, die auf einen Tumor hinweisen können, stellt das Röntgenbild deutlich besser dar als die MRT. Und auch wenn die MRT auf einen bösartigen Tumor hindeutet, ist eine Gewebeentnahme weiterhin unumgänglich", betont Bickelhaupt. Denn erst unter dem Mikroskop und in molekularbiologischen Tests offenbaren die entnommenen Zellen ihren wahren Charakter.

Bis das neue Verfahren im klinischen Alltag ankommt, wird allerdings noch einige Zeit vergehen. „Wenn wir eine solche Methode in die Breite tragen wollen, muss sie sehr zuverlässig sein", erklärt Bickelhaupt. Um diese Zuverlässigkeit zu gewährleisten, sind weitere Studien notwendig. Heinz-Peter Schlemmer ist dennoch optimistisch: „Wenn sich die hohe Trefferrate im weiteren Verlauf bestätigt, sind wir auf einem guten Weg, die enorme emotionale Belastung der Frauen mit unklaren Befunden im Mammografie-Screening zu reduzieren."

// Jennifer Heck

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