Strategische Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

Kräfte bündeln gegen Krebs

Michael Baumann ist seit November Wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums. Der einblick sprach mit dem Krebsspezialisten und Experten für Strahlentherapie über seine neue Aufgabe und die Herausforderungen der personalisierten Krebsmedizin.

© DKFZ/Jutta Jung

SELTMANN: Herr Baumann, Sie waren in Dresden unter anderem Direktor der Strahlentherapie am dortigen Universitätsklinikum und haben die Radioonkologie am Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf und das OncoRay-Zentrum geleitet. Es war Ihnen also bestimmt nicht langweilig. Was hat Sie dennoch nach Heidelberg gelockt?

BAUMANN: Das DKFZ ist eben eine der Top-Adressen auf der Welt und noch einmal sehr viel breiter aufgestellt als der Standort Dresden derzeit. Deshalb ist es für mich schon eine große Herausforderung, mit den tollen Kollegen hier in Heidelberg zusammenzuarbeiten und die Krebsforschung – und das immer verstanden als Grundlagenforschung, präklinische und klinische Forschung – weiter nach vorne zu bringen. So ein Angebot bekommt man nur einmal im Leben, das hat mich extrem gereizt. Ich schaue der Aufgabe mit großer Spannung entgegen.

Werden Sie auch eigene Forschung betreiben?

Ja. Allerdings sicher in einem limitierten zeitlichen Umfang, das bringt dieses Amt einfach mit sich. Aber ich werde im Bereich personalisierte Radioonkologie Forschung betreiben, sowohl präklinisch als auch mit klinischen Daten. Es ist klar, dass ich mir eine rechte Hand für diese Abteilung suchen werde, mit der ich zusammenarbeite, weil meine zeitliche Belastung sehr hoch sein wird.

Wie genau möchten Sie die personalisierte Strahlentherapie weiterentwickeln?

Hauptsächlich im Bereich der Biomarker-Forschung. Genauso wie spezifische Medikamente gesucht werden, die nur dann gegeben werden, wenn ein bestimmter Biomarker oder eine bestimme Biomarker-Konstellation vorhanden ist, gilt das auch für die Strahlentherapie. Hier geht es um die Fragen, ob überhaupt bestrahlt wird, mit welchem Strahl, in welcher Kombinationstherapie usw.

Werden personalisierte Therapien dazu beitragen, dass mehr Patienten von der Strahlentherapie profitieren?

Ich glaube, dass die meisten Patienten, die eine Strahlentherapie erhalten, davon profitieren – und sei es in palliativer Hinsicht. Aber wir können im Moment eben nicht jeden Tumor, den wir bestrahlen, dauerhaft vernichten. Bei verschiedenen Tumorarten treten in Bereichen, in denen wir die höchste Dosis appliziert haben, unterschiedlich häufig lokale Rezidive auf. Wir wissen bereits aus eigenen Untersuchungen, dass es besonders strahlensensitive Tumoren gibt, und es wäre natürlich gut, wenn wir diese vorher identifizieren könnten. Bei besonders strahlenresistenten Tumoren kommt dagegen eine intensivere oder kombinierte Therapie infrage. Ein weiterer sehr wichtiger Punkt ist es natürlich zu wissen, ob ein Patient ein hohes Risiko für Fernmetastasen hat. Dann wäre sowohl für den Strahlentherapeuten als auch für den Chirurgen sehr genau zu überlegen, ob in diesem Fall ein radikales lokales Vorgehen überhaupt sinnvoll ist.

Viele Krebspatienten haben ganz besonders Angst vor der Strahlentherapie, vor diesen großen Geräten und den unsichtbaren Strahlen. Was sagen Sie den Patienten?

Zunächst einmal: So groß ist die Angst gar nicht. Jeder Krebspatient hat Angst vor jeglicher Therapie, das hätte ich auch. Ich glaube nicht, dass die Strahlentherapie hier besonders herausragt. Und das ist sicher auch der Tatsache zu verdanken, dass die deutschen Strahlentherapeuten heute offensiver mit ihren Behandlungsmöglichkeiten umgehen.

Man hört Geschichten von Schmerzen, gar von Hautverletzungen?

Diese Bilder gehören mittlerweile zum großen Teil der Vergangenheit an. Es hat früher Röntgen- und Kobaltgeräte gegeben, die ihre maximale Dosis immer in der Haut abgegeben haben. Das hat zu starken und sichtbaren Nebenwirkungen geführt. Heute sehen wir auch noch eine Rötung der Haut, aber schwere Nebenwirkungen sind sehr selten. Ich kenne viele Patienten, die sagen, dass sie die Bestrahlung im Vergleich mit der Chemotherapie als sehr viel nebenwirkungsärmer empfunden haben.

Wie sieht es aus mit Langzeitnebenwirkungen?

Die Langzeitwirkungen sind ein größeres Problem. Die Strahlentherapie kümmert sich extrem gut um die Nachsorge, um die erforderlichen Daten erheben und dann so behandeln zu können, dass die Wahrscheinlichkeit von späten Wirkungen so gering wie möglich ist. Dadurch sind gravierende Langzeitnebenwirkungen, die den Patienten massiv beeinträchtigen, sehr selten geworden. Vielleicht werden wir zukünftig mit biologischen Tests vorhersagen können, wie strahlenempfindlich der einzelne Tumor ist und dann die Stärke der Bestrahlung entsprechend darauf einstellen. Das gelingt im Moment leider noch nicht.

Reduziert die Protonentherapie oder die Schwerionentherapie die Nebenwirkungen?

Ja, weil einfach insgesamt weniger Gewebe bestrahlt wird. Wir werden aber erst noch beweisen müssen, dass das nicht nur rein physikalisch der Fall ist, sondern dass es sich auch klinisch bemerkbar macht, indem bei größeren Patientenzahlen wirklich signifikant weniger Nebenwirkungen auftreten.

Werden Protonen- oder Schwerionentherapie die herkömmliche Strahlentherapie in Zukunft ganz ersetzen?

Nein, das glaube ich nicht, weil für viele Behandlungen die herkömmliche Strahlentherapie nach wie vor die beste Möglichkeit ist. Aber ich glaube, dass ungefähr 10 bis 15% aller Krebspatienten langfristig von einer solchen Therapie profitieren können.

Welche Patienten werden das sein?

Im Moment sind das vor allem Kinder, aber auch Patienten mit Tumoren, die ganz dicht an kritischen Strukturen sitzen, etwa an der Schädelbasis, und eine hohe Dosis brauchen. Die sind häufig besser mit einer Protonentherapie zu behandeln. Ich glaube aber, dass sich in Fällen, in denen große Volumina gesunden Gewebes mitbestrahlt werden müssen und gleichzeitig hohe Dosen notwendig sind, die Protonentherapie erst noch beweisen muss. Und die Schwerionentherapie mit ihrer höheren biologischen Wirksamkeit wird sich bei besonders strahlenresistenten Tumoren beweisen müssen.

Das DKFZ ist stark aufgestellt, die Zusammenarbeit am Standort Heidelberg ist großartig. Dennoch gilt es, im Kampf gegen den Krebs noch mehr Kräfte zu bündeln. Wie stark setzen Sie auf das Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung oder auf Cancer Core Europe?

Sehr stark. Ich glaube, dass sich das DKFZ tatsächlich sowohl mit den nationalen Playern verbinden muss – und das ja auch in den letzten Jahren sehr intensiv betrieben hat – als auch mit internationalen. Wenn wir personalisierte Medizin wirklich ernsthaft entwickeln wollen, sind wir auf Kooperationen angewiesen, weil auch große Zentren dann nur wenige Patienten pro Jahr mit einer ganz bestimmten Tumorentität sehen werden. Und dem kann man nur durch größere Verbünde entgegentreten.

Dresden hat eine wunderschöne barocke Altstadt, die Semper-Oper, das Elbsandsteingebirge liegt vor der Tür. Wie schwer fiel Ihnen der Abschied?

(lacht) Dresden ist eine ganz tolle Stadt, genau wie Heidelberg. Jede hat ihre eigenen Vorzüge. In einer so großen Stadt wie Dresden – viermal so groß wie Heidelberg – prägen die Studenten und der gesamte akademische Bereich das Stadtbild natürlich weniger als in Heidelberg. Die Umgebung von Heidelberg ist, denke ich, genauso schön wie die Umgebung von Dresden. Es wird sicher eine spannende neue Erfahrung, Heidelberg näher kennenzulernen. Auch darauf freue ich mich.

Das Interview führte // Stefanie Seltmann

Zur Person

Michael Baumann, 54, promovierte 1988 in Hamburg zum Doktor der Medizin. Danach war er als Postdoc an der Harvard Medical School in Boston tätig. 1994 habilitierte der Facharzt für Strahlentherapie an der Universität Hamburg und wechselte 1995 ans Universitätsklinikum Dresden. Dort baute er als Direktor in verschiedenen Institutionen in den vergangenen 22 Jahren die radioonkologische Forschung maßgeblich mit auf.

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