Strategische Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

Spitzenforschung tief im Westen

Neue Ergebnisse aus der Krebsforschung sollen möglichst schnell bei den Patienten ankommen. Mit diesem Ziel hat sich im Jahr 2012 das DKFZ mit Forschungseinrichtungen und Kliniken an acht Standorten zum Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung, kurz DKTK, zusammengeschlossen. Am Standort Essen/ Düsseldorf sind aus einigen Forschungsansätzen bereits effektive Diagnose- und Behandlungsmethoden hervorgegangen.

WTZ

© Universitätsklinikum Essen/Andre Zelck

Kohle und Stahl? Das war einmal. An Rhein und Ruhr hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine hochqualifizierte Medizinlandschaft entwickelt. In deren Zentrum stehen die Städte Essen und Düsseldorf mit ihren Universitätskliniken. Krebsforschung spielt dort schon lange eine wichtige Rolle: Die im Jahr 1967 gegründete „Essener Tumorklinik“, aus der später das Westdeutsche Tumorzentrum (WTZ) hervorging, war das erste spezialisierte Krebsbehandlungszentrum in Deutschland.

DKTK-Standortsprecher Martin Schuler ist Direktor der Inneren Klinik (Tumorforschung) am Universitätsklinikum Essen und Spezialist für zielgerichtete Tumortherapien und Lungenkrebs. Aus der täglichen Praxis weiß er, wie wichtig es ist, dass sich Kliniken und Forschungseinrichtungen effektiv vernetzen: „Ärzte und Wissenschaftler des WTZ tauschen sich regelmäßig in interdisziplinären Expertengruppen aus. Gerade wenn komplexe Behandlungs- und Diagnosestrategien notwendig sind, haben wir direkten Zugang zu unterschiedlichen Therapieverfahren und können die Behandlung optimal auf den Patienten abstimmen.“

An den Partnereinrichtungen in Essen und Düsseldorf kommen neben Chirurgie und Chemotherapie auch Immuntherapien sowie neueste bildgebende Diagnoseverfahren zum Einsatz. Zudem verfügt der Essener Medizin-Campus über die größte Klinik für Knochenmarkstransplantationen in Europa und etablierte vor wenigen Jahren die erste Protonentherapieanlage Nordrhein-Westfalens. Am Universitätsklinikum Düsseldorf erforschen die Wissenschaftler unter anderem neue Behandlungsmöglichkeiten für Kinder mit Hirntumoren. Marc Remke leitet dort seit Anfang letzten Jahres eine DKTK-Nachwuchsgruppe. Gemeinsam mit Guido Reifenberger und Arndt Borkhardt möchte er dazu beitragen, die Therapie bösartiger Tumoren des Kleinhirns zu verbessern. Die Düsseldorfer Forscher entwickelten darüber hinaus gemeinsam mit Partnern von anderen DKTK-Zentren eine neue Klassifizierung für Hirntumoren unter der Schirmherrschaft der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Gezielt auswählen – gezielt therapieren

Martin Schuler

Martin Schuler ist Sprecher des DKTK-Standortes Essen/ Düsseldorf und Mitglied des Direktoriums am Westdeutschen Tumorzentrum.
© DKFZ/Tobias Schwerdt

Neue Erkenntnisse aus der Forschung in die klinische Praxis übertragen: Mit diesem Ziel haben die Wissenschaftler in Essen in den letzten Jahren insgesamt 58 neue Medikamente oder Medikamentenkombinationen in frühen klinischen Studien geprüft – viele davon in Zusammenarbeit mit den anderen DKTK Standorten. Dabei setzen sie erfolgreich auf die Präzisionsonkologie: Erbgutanalyse und molekulare Biomarker können bereits im Vorfeld Hinweise darauf geben, wie gut ein Medikament bei einem bestimmten Patienten vermutlich anschlagen wird. Ärzte und Wissenschaftler nutzen diese Daten, um die für den Patienten optimale Studienbehandlung auszuwählen. Dass dieser Ansatz die Entwicklung neuer Medikamente erheblich beschleunigen kann, zeigt das Beispiel „Ceritinib“. Der kürzlich zugelassene Tyrosinkinase- Hemmer wirkt bei Lungenkrebs-Patienten, wenn der Tumor eine bestimmte Genveränderung trägt. Bislang blieb Patienten im fortgeschrittenen Stadium nur noch eine Chemotherapie mit geringen Erfolgsaussichten. Die Wirksamkeit von Ceritinib zeigte sich bereits in der ersten klinischen Studie der sogenannten Phase I. „Die Patienten wurden anhand ihrer molekularen Profile gezielt ausgewählt“, erklärt Martin Schuler. „Schon bei den ersten 130 Patienten war die Behandlung so erfolgreich, dass sie schnell auf größere Patientengruppen ausgeweitet werden konnte.“ Das Medikament wurde daraufhin zunächst für den US-amerikanischen Markt und kurz darauf auch in Deutschland zugelassen.

Martin Schuler ist davon überzeugt, dass die enge Zusammenarbeit zwischen Grundlagenforschern und Ärzten völlig neue Möglichkeiten im Wettlauf mit dem Tumor eröffnet: „Schon während der Studie mit einem neuen Medikament können wir untersuchen, welche genetischen Veränderungen dazu führen, dass sich der Tumor der Therapie entzieht. Anhand der Ergebnisse können wir die Behandlungsstrategie verfeinern, um gezielt gegen Resistenzen vorzugehen.“ Auf diese Weise trugen die Mediziner in Essen in Zusammenarbeit mit industriellen Partnern bereits zur Entwicklung von drei neuen Medikamenten bei, die gezielt gegen Resistenzen beim Lungenkrebs wirken.

Tumorzellen werden umprogrammiert

Tumorkonferenz

In Tumorkonferenzen suchen Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen gemeinsam nach der bestmöglichen Behandlung für einen Patienten.
© Universitätsklinikum Essen/Andre Zelck

Zu den forschenden Ärzten am WTZ zählt seit 2015 auch Jens Siveke. Sein Fokus liegt auf dem Bauchspeicheldrüsenkrebs. „Dieser Tumor erzeugt erst spät Symptome, metastasiert früh und ist deshalb ausgesprochen schwierig zu behandeln“, sagt Siveke, der eine der drei neuen DKTK-Professuren für Translationale Onkologie am Universitätsklinikum Essen innehat. Die Tumorzellen beim Bauchspeicheldrüsenkrebs sind zudem extrem wandelbar und werden gegen die verfügbaren Medikamente schnell resistent. „Bisher gibt es kaum effektive Medikamente, und mit einer weiteren Chemotherapie erreicht man häufig nur wenig“, fasst Siveke die schwierige Situation zusammen. Er untersucht, warum der Tumor der Therapie häufig entkommt. Siveke und sein Team wollen bestimmte Regulationswege des Tumors gezielt umprogrammieren, damit er für Medikamente und Immuntherapien wieder angreifbar wird. Davon könnten letztlich auch Patienten mit anderen Krebserkrankungen profitieren. „Viele der im DKTK entwickelten Ansätze sind auf andere Krebsarten übertragbar“, erläutert Siveke.

Im DKTK schätzt er, dass modernste Technologien gemeinsam genutzt werden können und sich Kollegen unterschiedlicher Disziplinen an verschiedenen Standorten austauschen. Den entscheidenden Mehrwert liefere jedoch die langfristig angelegte Förderung des Programms: „Im DKTK können wir ohne kommerziellen Druck innovative und nachhaltige Lösungen entwickeln, von denen Patienten in ganz Deutschland profitieren werden.“

// Alexandra Moosmann

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