Strategische Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

Gute Nachrichten - Lieber nicht?

Wie berichtet man über aufregende Ergebnisse aus der Krebsforschung? Wann ist der richtige Zeitpunkt? Wie vermeidet man, übertriebene Hoffnungen zu wecken? Und wie geht man damit um, wenn plötzlich die Krebsforscher selbst von „Durchbrüchen“ sprechen? 

© pixabay/janeb13

US-Präsident Barack Obama hat im Januar die „Nationale Moonshot-Initiative gegen Krebs“ ausgerufen, quasi das Apollo-Programm der Krebsforschung: „Lasst uns Amerika zu dem Land machen, das Krebs ein für alle Mal besiegt!“ Nun sind die Amerikaner bekannt für große Worte und viel Pathos, und mit Richard Nixon gab es schon einmal einen Präsidenten, der dem Krebs den Krieg erklärt hat – leider ohne durchschlagenden Erfolg, wie man weiß. Doch die Ausgangssituation an der „Krebsfront“ ist heute eine völlig andere als in den 70er Jahren: Die Analyse des Erbguts von Krebszellen hat so viele mögliche Angriffspunkte zutage gefördert, dass die „Pipeline“ der großen Pharmakonzerne gut gefüllt ist mit neuen zielgerichteten Wirkstoffen gegen Krebs. Und es gibt die Immuntherapie, die das körpereigene Abwehrsystem gegen den Krebs aktiviert. Sie zeigt sich in Einzelfällen so wirksam, dass Wissenschaftler sie schon als „Durchbruch des Jahres“ feierten. Die Hoffnung ist nun, die Immuntherapie mit zielgerichteten Medikamenten zu kombinieren und damit viel mehr Patienten zu helfen als bisher.

Auch in Heidelberg am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen, dem NCT, das das Deutsche Krebsforschungszentrum gemeinsam mit dem Universitätsklinikum gegründet hat, wird die Immuntherapie in klinischen Studien getestet. Auch dort sehen die Ärzte erstaunliche Erfolge. Zum Beispiel bei Georgios Kessesidis, 27 Jahre alt, Nichtraucher, Lungenkrebs im 4. Stadium. „Er kam für die Immuntherapie infrage, weil wir diese neue Therapie derzeit nur an Patienten testen, denen die herkömmliche Behandlung nicht mehr hilft“, erzählt Dirk Jäger, Medizinischer Direktor am NCT und Leiter der Klinischen Studie zur Immuntherapie. „Bereits nach der dritten Infusion schrumpfte der Tumor beträchtlich, Herr Kessesidis bekam wieder gut Luft, hatte keine Schmerzen mehr, es ging ihm gut!“

Nur bei etwa jedem fünften Patienten schlägt die Immuntherapie so gut an und das bisher auch nur bei einigen Krebsarten. Bei anderen Patienten zeigen sich schwere Nebenwirkungen, weil das „entfesselte“ Immunsystem gegen das gesunde Gewebe vorgeht. Dennoch sind viele Ärzte und Wissenschaftler davon überzeugt, dass sie eine ganz neue Ära der Krebsmedizin einläuten wird. So entschlossen wir uns, eine Pressekonferenz zur Immuntherapie zu veranstalten. Neben Ärzten und Wissenschaftlern luden wir auch Georgios Kessesidis ein, daran teilzunehmen. Er sagte gerne zu. „Ich möchte anderen Krebspatienten Mut machen, nicht aufzugeben, auch wenn es manchmal schwer ist“, begründete er seine Offenheit, in der er auch auf Facebook über seine schwere Krankheit berichtete.

Die Journalisten schrieben Artikel über Georgios Kessesidis, sie drehten Filme und produzierten Hörfunkbeiträge, die erfolgreiche Immuntherapie aus Heidelberg machte Schlagzeilen. Obwohl sie auch berichteten, dass längst nicht jeder Patient so gut reagierte, dass viele Krebsarten gar nicht für die Immuntherapie infrage kommen, schöpften Patienten und Angehörige in ganz Deutschland Hoffnung. Sie wollten auch an der Studie teilnehmen und meldeten sich im NCT.

„Das war eine schwierige Zeit für uns“, erzählt Dirk Jäger, „weil wir vielen Patienten absagen mussten.“ Denn die Immuntherapie-Studie befand sich erst in der Phase I, in der zunächst die Sicherheit der neuen Methode überprüft wird. Solche Studien umfassen nur wenige Patienten. Bevor die Therapie auf breiter Basis getestet und schließlich zugelassen wird, vergehen meist noch Jahre.

Wir gerieten ins Grübeln: War es falsch gewesen, Georgios Kessesidis der Presse vorzustellen und damit so vielen Patienten unerfüllbare Hoffnungen zu machen? Noch größer wurden unsere Bedenken, als der Krebs bei Georgios Kessesidis nach 15 Monaten wieder zurückkehrte und er im Februar, ziemlich genau ein Jahr nach der Pressekonferenz, seiner schweren Krankheit erlag. Andererseits machte seine Geschichte vielen Krebspatienten Mut, sogar über seinen Tod hinaus. Auf seiner Facebook-Seite „GeorgiosgegenKrebs“ kann man das nachlesen „Euer gemeinsamer Kampf gegen alle Chancen war für Viele Vorbild und Inspiration. Dafür unseren Respekt und Dank“, schreibt eine Krebspatientin.

„In der Forschung gibt es keine Erfolgsgarantie“, sagt Michael Boutros, der wissenschaftliche Vorstand des DKFZ. „Auch das Moonshot-Programm von Obama wird nicht auf direktem Wege den Krebs heilen. Aber wir Wissenschaftler dürfen nicht aufgeben im Kampf gegen den Krebs. Genauso wenig wie die Krebspatienten!“

Und deshalb werden wir auch weiterhin nicht nur über Forschungsergebnisse aus dem Labor berichten, sondern auch über Klinische Studien zu neuen Therapien gegen Krebs. Natürlich mitgebotener Zurückhaltung und dem Hinweis, dass das nur ein erster Schritt sein kann. Aber wir möchten zeigen, dass sich etwas tut im Kampf gegen diesen schwierigen Gegner. Dass es mutige Wissenschaftler und Ärzte gibt, die sich von Rückschlägen nicht aufhalten lassen. Und dass es Krebspatienten gibt, die mit ihrem ganz persönlichen Kampf anderen Mut machen wollen.

Text: Stefanie Seltmann

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