Strategische Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

Zurück ins Leben

Das Protokoll eines Krankheitsfalls

© Schwerdt/DKFZ

Am Montagmorgen, dem 27. Januar 2014, nimmt Georgios Kessesidis, ein sportlicher junger Mann, auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch des Lungenfacharztes Platz. Zwei Monate lang hat er auf diesen Termin gewartet. Ein Blatt Papier und ein Kugelschreiber, erinnert sich Georgios, lagen auf dem Schreibtisch, und der Arzt fragte, was ihn zu ihm geführt habe. Georgios Kessesidis beginnt aufzuzählen, was ihn seit dem Sommer zunehmend beeinträchtigte: körperliche Schwäche, Schwitzen in der Nacht, Husten, Atemnot. Sorgsam notiert der Arzt die Zeichen der Krankheit. Vor drei Wochen, ergänzt der Patient, habe er erstmals Blut gespuckt. Sehr, sehr schlimm sei das für ihn gewesen. Der Arzt habe aufgehört, die Symptome zu notieren und ihn zum Röntgen geschickt. Und dann sei dieses Bild da gewesen, von seiner Lunge, die eine Hälfte ganz weiß. „Ich wusste nicht, wie das auszusehen hat“, sagt Kessesidis. Aber es schien ihm, als sei da etwas zusammengefallen. Der Arzt hat ihn sofort ins Krankenhaus überwiesen. Es könnte Tuberkulose sein, meinte er. Und bei der Verabschiedung habe er hinzugefügt: „Hoffentlich nichts Schlimmeres.“

Georgios Kessesidis, 27 Jahre, erzählt seine Geschichte ruhig, sachlich, nur manchmal macht er eine kleine nachdenkliche Pause. Dass es Krebs sein könnte – daran habe er nie gedacht. Keiner hat daran gedacht. Sein Hausarzt nicht, zu dem er in den Monaten zuvor immer wieder wegen seiner Beschwerden gegangen ist, die Ärzte im Krankenhaus nicht, die er vor seinem Facharzttermin aufgesucht hat. Niemandem wolle er einen Vorwurf machen: „Wenn ich ein Arzt wäre und so einen wie mich vor mir sitzen hätte, käme ich auch nicht auf diesen Gedanken.“ Er sei jung, er spiele Fußball und Basketball und er boxe, er ernähre sich gesund, er rauche nicht und er trinke nicht. Nur selten sei er in seinem Leben krank gewesen, während seiner dreijährigen Lehrzeit beispielsweise – keine zwei Wochen hat er da gefehlt. Heuschnupfen habe er, okay, aber das sei ja heutzutage nichts Ungewöhnliches. Und deshalb habe man ihn wohl auch zunächst wegen Asthma und – schlimmstenfalls – Bronchitis behandelt. Mit dieser Diagnose sei er zufrieden gewesen, und er habe getan, was ihm die Ärzte sagten. Aber es wurde nicht besser.

Noch am Abend des 27. Januar sei klar gewesen: Es ist keine Tuberkulose. Der Chefarzt persönlich ist zu ihm gekommen und hat es ihm gesagt – und kündigte weitere Untersuchungen an. Nach zwei Tagen kam der Chefarzt erneut. Er habe sich lange Gedanken darüber machen müssen, wie er einem so jungen Menschen so etwas beibringen könne, habe der Arzt das Gespräch begonnen. Und in Georgios Kessesidis keimte erstmals ein Verdacht auf: „Was kann denn so schlimm sein, dass er sich über mich derart den Kopf zerbricht?“

Der Arzt habe dann die Lungenflügel skizziert und die Stellen markiert, wo der Tumor sitzt und wohin er sich ausgebreitet hat. Georgios Kessesidis hat ihm dabei zugesehen, wie er die schwarzen Linien auf das weiße Blatt Papier zeichnete. „Man sieht, man hört, aber man nimmt nichts wahr“, sagt er. Ein erster Gedanke war: „Ach – dann also doch so etwas!“ Und gleich danach der zweite: „Was kann man dagegen machen?“ Irgendwann, im Affekt wohl, habe er gefragt, ob er „liegend oder stehend“ wieder aus diesem Krankenhaus herauskäme. „Stehend“, habe der Arzt geantwortet. „Das war für mich eine Aussage“, sagt Georgios Kessesidis. „Das hat mir gezeigt, dass er mich noch nicht aufgegeben hat.“ Er sei noch keine 30 Jahre alt – und das könne ja wohl noch nicht alles gewesen sein.

Der Tumor erwies sich als nicht operabel. Auch eine Bestrahlung kam nicht in Frage. Zu weit hatte sich die Geschwulst ausgedehnt, das Herz wäre von den Strahlen in Mitleidenschaft gezogen worden. Tochtergeschwülste wurden festgestellt, in den Lymphknoten, am Rippenfell, im Becken. „Mein Tumor hat ganze Arbeit geleistet“, sagt Kessesidis. Nach der medizinischen Einteilung war seine Erkrankung im fortgeschrittenen „Stadium IV“. Anfangs habe er noch nachgelesen, was sich hinter all den medizinischen Fachbegriffen verberge, denen er sich ausgesetzt sah. Aber es sei dabei immer nur „das größtmöglich Schlechte“ herausgekommen.

Trotz Chemotherapie wächst der Tumor weiter

Was von den herkömmlichen Behandlungsweisen blieb, war die Chemotherapie – Zellgifte sollten die Tumorzellen daran hindern, sich weiterhin auf Kosten gesunder Zellen zu teilen. Vier Chemotherapie-Zyklen brachte Georgios hinter sich, die Haare fielen ihm aus, er fühlte sich sehr schlecht. Dann, im Frühjahr 2014, zeigte sich: Der Tumor war trotz Behandlung weiter gewachsen; Wasser hatte sich in der Lunge angesammelt. Statt der eigentlich geplanten fünften Chemotherapie habe er eine Pleuraldrainage erhalten, berichtet Kessesidis. Er macht eine Pause. Jeden Tag habe er sich selbst mit einem Schlauch das Wasser aus dem Brustkorb ziehen müssen. „Das war der absolute Tiefpunkt“, erinnert er sich.  „Die Therapie – die letzte Hoffnung – war weg.“ Er hat sich informiert, woher noch Hilfe kommen könne, wenn „mich die Schulmedizin aufgibt“. Er hat von Pilzen, Tinkturen und Kuren aller Art gelesen – und von einer Patientin, fernab in Kanada, bei der die zwölfte Chemotherapie endlich Erfolg gezeigt habe. Da war er wieder:
der Funken Hoffnung. „Ich hätte alles gemacht“, sagt Kessesidis. „Auch diese Radikaldiät, wo man nur noch Wasser trinkt, damit der Tumor verhungert.“ Irgendetwas müsse man ja tun. Was sei die Alternative? Einfach so daliegen und warten, bis man stirbt?

Seine Eltern sind in dieser Zeit nach Griechenland in die Klöster gefahren, um die Priester in der Heimat zu bitten, für ihren Sohn zu beten. „Wir sind sehr gläubig“, begründet Georgios. „Man betet – und hofft auf ein Wunder.“ Das Wunder ist geschehen. So sieht er es und kündigt lächelnd seine „Kurzgeschichte für Gläubige“ an: Eines abends habe seine Freundin zuhause vor der Ikone des Heiligen Blasius gebetet, den man wegen Erkrankungen der Atemwege anrufe, und ihn angefleht, ein Heilmittel für Georgios zu finden. Und am nächsten Morgen, während der Visite, habe Professor Michael Thomas, der Chef der Thoraxklinik in Heidelberg Rohrbach, ihn darüber informiert, dass es da etwas gebe, eine Studie, die gerade im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen unter der Leitung von Professor Dirk Jäger stattfinde. Er solle sich die Unterlagen dazu einmal ansehen. „Das war wirklich so!“, betont Kessesidis. Für ihn, den Gläubigen, sind das „Zeichen“. Sie haben ihm den Lebensmut zurückgeben.

Eine neue Therapie

„Ich wollte sofort mit der neuen Therapie beginnen“, erinnert sich Georgios. Was er darüber erfuhr, hat ihn fasziniert. Es sei keine neue oder andere Chemotherapie, erklärt er: Sein eigenes Immunsystem werde dazu gebracht, gegen die Krebszellen vorzugehen. Er hat sich intensiv mit dem Verfahren auseinandergesetzt, sich von den Ärzten alles erklären lassen und gelesen, was er darüber finden konnte – auch von den möglichen, unter Umständen sehr ernsten Nebenwirkungen bis hin zu Nierenversagen und Tod. „Es ist kein Zaubertrank“, unterstreicht er. Vor der Therapie standen viele Voruntersuchungen. Ein steiniger Weg sei das noch einmal für ihn gewesen. „Es musste alles passen“, begründet Georgios. Nicht jeder komme dafür in Frage. Für ihn hat sich die Situation damals so dargestellt: „Die nehmen mich jetzt in die Studie auf, und ich bekomme noch eine Chance – oder sie schicken mich nach Hause. Und dann sterbe ich.“ Nach einer „gefühlten Ewigkeit“ wurde er darüber informiert, dass er an der Studie teilnehmen könne. „Das, was man dafür sozusagen mitbringen muss“, erklärt Kessesidis, „war in hohem Maße vorhanden.“ So haben es ihm die Ärzte erklärt. Und das sei wohl auch der Grund dafür, dass die Immuntherapie bei ihm so gut angeschlagen habe. Das meinen auch seine Ärzte. Schon zuvor sei er einmal für „irgendwelche neuen Tabletten“ getestet worden, erinnert er sich. Aber die seien überhaupt nicht für ihn geeignet gewesen: „Da passte es nicht."

Am 10. Juni 2014 erhielt Georgios Kessesidis die erste Infusion. „Es ist eine Flüssigkeit“, beschreibt er. In der sei ein Wirkstoff enthalten, der eine Art Brücke schaffe zwischen den Immun- und den Krebszellen. Den Immunzellen werde es so erleichtert, gegen die bösartigen Zellen vorzugehen. Eine Stunde lang habe er die Infusion erhalten, und noch währenddessen stellten sich Fieber und Schüttelfrost ein. Er wusste das nicht einzuordnen und glaubte, er zittere vor Aufregung, weil er am selben Tag erfahren hatte, dass eine neue Metastase aufgetaucht war. Das Fieber blieb. In der Nacht stieg es auf 40 Grad, erst am nächsten Tag sank es. Den Ärzten habe er das zuerst gar nicht sagen wollen, gesteht Kessesidis. „Ich hatte Angst, dass ich aus der Studie fliege.“ Aber die Studienleiter erklärten ihm, dass sei keine bedenkliche Nebenwirkung, sondern ein gutes Zeichen: Da reagiere etwas, da passiere etwas in seinem Körper.

"Es geht voran"

Aufnahmen der Lunde zeigen, dass sich der Tumor im Laufe der Behandlung deutlich verkleinert hat.
© Schwerdt/DKFZ

Seither fährt Georgios alle zwei Wochen 160 Kilometer von Reutlingen, seinem Wohnort, nach Heidelberg und erhält dort seine Infusion. Das Fieber hat sich nicht mehr gezeigt. Nach der dritten Therapie habe er festgestellt, wie es ihm körperlich besser geht – er hustete weniger, der Nachtschweiß blieb aus, die Atemnot wurde geringer. Und das Lungenwasser bildete sich zurück. Schon nach der zweiten Infusion, sagt Georgios, sei diese „schlimme Sache mit dem Schlauch und dem Wasser“ erledigt gewesen. Vor allem das habe ihm gezeigt: „Es geht voran“. Das bestätigten auch die Bilder der Computer- und Magnetresonanztomographen. Nach der dritten Gabe, berichtet Georgios, habe sich der Tumor um nahezu die Hälfte verkleinert – wie ein „Eisberg, der wegschmilzt“.

Er unterbricht seine Erzählung für einen Moment. „Was ist das?“, fragt er. „Ist das Glück? Ist das Zufall? Ist das Gottes Wille?“ Es komme immer ganz darauf an, wie man es sehen wolle. Für ihn passe die Therapie – für andere nicht. Er weiß von Patienten, denen sie nicht hilft, und von anderen, bei denen sich der Erfolg nur vorübergehend einstellt. Das sind auch seine Bedenken, immer noch. Bislang aber sei es bei ihm „immer ein bisschen besser“ geworden. Das spüre er, und das zeigen die Bilder, alle sechs Wochen, „auch wenn es manchmal nur ein paar Millimeter sind“. Vom Haupttumor in der Lunge sei kaum noch etwas zu sehen – selbst die Ärzte könnten nicht sagen, ob das noch verbliebenes Krebsgewebe sei oder ob es sich um Vernarbungen handele. Die Metastase im Becken ist noch da. Bis Juni 2015 wird Georgios die Immuntherapie erhalten. Anschließend erfolgen für ein Jahr engmaschige Nachkontrollen. Sollte sich dabei etwas zeigen, erklärt Georgios, werde laut Studienplan ein weiteres Therapiejahr hinzugefügt.

Es geht ihm sehr gut. Er habe keinerlei Beeinträchtigungen – ein bisschen Kondition, ja, die müsse er wieder aufbauen. Er hat vor, mit seiner Freundin, die ihm während der gesamten Krankheitszeit beigestanden hat, nach Istanbul zu reisen, für ein paar Tage. Danach möchte er nach Israel, seine komplette Familie aus Deutschland und Griechenland kommt mit – um im Kloster zu danken. Schritt für Schritt will er wieder zurück in sein altes Leben und dort weitermachen, wo ihn sein Tumor „ausgebremst“ hat: in seinen Beruf als Betriebswirt hineinfinden, arbeiten, heiraten, Kinder haben – später einmal. „Was halt so dazugehört.“

Im Frühjahr haben sich Georgios und seine Freundin standesamtlich trauen lassen. „So Gott will, werden wir in einem Jahr kirchlich heiraten“, sagt Georgios. Das ist ihm wichtig, umso mehr jetzt, nach dieser schweren Zeit. Die Priester hätten ihm immer gesagt: „Lass die Ärzte machen, was sie können. Und vertraue auf Gott, dass er den Rest übernimmt.“ Das habe ihm Halt, Kraft und Zuversicht gegeben. Georgios Kessesidis hat mittlerweile seine eigenen Worte und seine eigene Reihenfolge gefunden: „Ich vertraue Gott – und der Forschung.“

Text: Claudia Eberhard-Metzger

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