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Antikörper statt Wein

Das Areal des Tübinger Universitätsklinikums auf dem Schnarrenberg.
© Manfred Grohe/Universität Tübingen

Das Deutsche Krebsforschungszentrum hat sich 2012 mit Einrichtungen an insgesamt acht Universitätsstandorten zum „Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK)“ zusammengeschlossen. Ziel ist es, verschiedene Kompetenzen zu vereinen, um Forschungsergebnisse schneller in die klinische Praxis zu bringen. Der Standort Tübingen spielt dabei eine besondere Rolle.

Früher wurde am Schnarrenberg Wein angebaut. Heute noch erinnern Streuobstwiesen und terrassierte Hänge an den einstigen Charme des Hügels. Befindet man sich oben auf der Anhöhe, kann man sich einen Bauern bei der Traubenernte jedoch nur schwer vorstellen: Siebzehn hochmoderne Kliniken drängen sich auf engem Raum. Dies ist das Zentrum des Tübinger Universitätsklinikums. Jährlich werden hier einige hunderttausend Patienten versorgt, und nebenbei wird ausgiebig gelehrt und geforscht: Das Klinikum hat rund 9000 Mitarbeiter, und an der medizinischen Fakultät studieren mehr als 3000 Nachwuchskräfte. Seit Jahren spielt Tübingen eine wichtige Rolle in der Forschung, insbesondere in den Bereichen Onkologie und Immunologie. Diese ausgeprägte Fachkompetenz war für ein international besetztes Gutachtergremium ein wesentlicher Grund, Tübingen als einen der sieben Partnerstandorte für das DKTK auszuwählen.

Tübingens Kernkompetenzen

Klaus Schulze-Osthoff, Koordinator des Tübinger Standorts.
© Universität Tübingen

Professor Klaus Schulze-Osthoff, Koordinator des Tübinger Standorts, sieht dessen Stärken vorrangig auf dem Gebiet hochauflösender bildgebender Techniken, in der sogenannten RNA-Interferenztherapie sowie in der personalisierten Immuntherapie bei Krebs. Zu den bildgebenden Diagnosemethoden zählt etwa eine kombinierte Technik aus Positronenemissionstomograf und Magnetresonanzscanner, kurz PET-MR, die
hochaufgelöste Aufnahmen aus dem Inneren des Körpers liefert. Die Ärzte können damit molekulare Prozesse im menschlichen Organismus in Echtzeit verfolgen. Mit der RNA-Interferenztechnologie wiederum werden bestimmte Gene gezielt an- oder ausgeschaltet. In Tübingen hat man bereits begonnen, diese Technologie in Patientenstudien zu übertragen. Ziel ist es, etwaige Krebsgene zu identifizieren, um neue effektive Tumortherapien zu entwickeln. Denn darauf legen die Wissenschaftler aus Tübingen großen Wert: Die Erkenntnisse aus der Forschung sollen zügig den Betroffenen zu Gute kommen – insbesondere gilt das für die individualisierte Immuntherapie. Helmut Salih, DKTK-Professor für Translationale Immunologie, entwickelt gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern immuntherapeutische Strategien bei Krebs. Solche neuartigen Behandlungsmethoden sind dringend erforderlich, meint Salih, denn: „Konventionelle Therapien vernichten nicht nur Krebszellen, sondern schädigen auch gesundes Gewebe und verursachen deshalb starke Nebenwirkungen. Das zweite und aus meiner Sicht vielleicht noch größere Problem ist, dass bei all diesen konventionellen Methoden nicht alle Tumorzellen restlos eliminiert werden."

Immuntherapie im Vorteil

Genau das erhoffen sich Ärzte und Forscher von einer erfolgreichen Immuntherapie: Im Idealfall werden gesunde Zellen verschont und gleichzeitig alle Krebszellen vollständig entfernt. Letzteres ist enorm wichtig, wie Salih betont: „Bleibt eine minimale Resterkrankung zurück, führt das häufig zu einem Wiederauftreten des Krebsleidens.“ Gegenüber bisherigen Ansätzen wäre die neuartige Heilmethode also klar im Vorteil. Allerdings ist sie noch lange nicht ausgereift: So sprechen etwa lediglich 20 Prozent der Patienten auf eine Immuntherapie an und teilweise kommt es zu starken Nebeneffekten. Außerdem wirkt diese Therapieform bei vielen Krebsarten gar nicht.  Die Gründe dafür sind unklar. Das möchte Professor Hans-Georg Rammensee ändern. Der Leiter des DKTK-Forschungsprogramms Tumorimmunologie und Immuntherapie erforscht mit seinem Team, wie das Immunsystem Bedrohungen erkennt und beseitigt. In den meisten Fällen arbeitet es sehr zuverlässig, doch manchmal reagiert es zu stark – etwa bei Autoimmunerkrankungen – oder es versagt, zum Beispiel bei Krebs. Um dem Immunsystem auf die Sprünge zu helfen, entwickeln die Tübinger Wissenschaftler unter anderem Antikörper, die an die Krebszellen binden und sie so markieren. Anhand dieser Kennzeichnung können Immunzellen die veränderten Zellen identifizieren und schließlich beseitigen. Allerdings fehlen für den Großteil der Tumorzellen noch die entsprechenden spezifischen Antikörper. Diese bis zur Anwendungsreife zu entwickeln dauert viele Jahre, mitunter bedingt durch strenge Auflagen, die für die Herstellung der Stoffe gelten, und die normalerweise nur große Pharmakonzerne erfüllen können.

Antikörper selbst herstellen

Um den Prozess zu beschleunigen, hat man in Tübingen eine für deutsche Universitäten einmalige Einrichtung aufgebaut: das Zentrum für Good Manufacturing Practice (GMP). Dort können Mitarbeiter neu entwickelte Stoffe, etwa Antikörper, für eine klinische Studie in großer Menge und in der erforderlichen Reinheit produzieren. So lassen sich wissenschaftliche Erkenntnisse deutlich rascher in die klinische Praxis bringen. Auf das GMP-Zentrum in Tübingen dürfen alle DKTK-Standorte zugreifen, und die hier produzierten Substanzen können in gemeinsamen Studien eingesetzt werden – beispielsweise für die Entwicklung von Impfstoffen gegen verschiedene Krebsarten. So erleichtern die gute Infrastruktur und enge Kooperation im Konsortium den Fortschritt in der translationalen Krebsforschung. Es dürfte also durchaus im Interesse des Patienten sein, dass die Trauben auf dem Schnarrenberg der Medizin gewichen sind. Unabhängig davon ist das vermutlich die bessere Option, denn die Bodenqualität taugt angeblich nicht zur Herstellung erstklassigen Weins.

Text: Janosch Deeg

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