Strategische Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

Effekte der Darmkrebsvorsorge - im europaweiten Vergleich

Nr. 30 | 26.05.2021 | von Koh

Die Programme zur Darmkrebsvorsorge unterscheiden sich erheblich zwischen den einzelnen europäischen Ländern. Wissenschaftler im Deutschen Krebsforschungszentrum zeigten nun: In allen Ländern, die bereits früh ein umfassendes Vorsorgeprogramm eingeführt hatten, sank die altersstandardisierte Darmkrebs-Inzidenz erheblich. Wo keine Vorsorgeprogramme angeboten werden, stieg sie dagegen. Je weiter die Einführung des Screenings zurückliegt, desto deutlicher zeigt sich der Rückgang der Darmkrebs-Sterblichkeit.

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Mit 245.000 Todesfällen war Darmkrebs 2020 die führende Krebstodesursache in Europa. In den letzten beiden Jahrzehnten haben viele europäische Länder Screening-Programme zur Darmkrebsvorsorge eingeführt, die sich größtenteils an Menschen zwischen 50 und 74 Jahren richten.

Die Programme unterscheiden sich von Land zu Land erheblich: Wird nur der Stuhltest angeboten oder auch die Darmspiegelung? Erhalten die Berechtigten Einladungen oder müssen sie sich selbst um einen Untersuchungstermin bemühen? In welchem Jahr startete das Screening und wie sieht es mit den Teilnahmeraten aus?

Wie sich die Neuerkrankungs- und Sterberaten in den einzelnen Ländern in Abhängigkeit von den jeweiligen Screening-Angeboten entwickelt haben, untersuchten nun Wissenschaftler um Hermann Brenner im Deutschen Krebsforschungszentrum. In die Analyse flossen Daten von 3,1 Millionen Patienten aus 21 europäischen Ländern ein. Die Forscher werteten dazu Krebsregisterdaten sowie Sterblichkeitsdaten der WHO aus dem Zeitraum zwischen 2000 und 2016 aus.

Die wesentlichen Ergebnisse:

  • In allen Ländern, die bereits früh ein Vorsorgeprogramm mit Stuhltests und Darmspiegelung eingeführt hatten, etwa Deutschland, Österreich oder Tschechien, sank die altersstandardisierte Darmkrebs-Inzidenz erheblich: Bei Männern um 1,6 bis 2,5 Prozentpunkte pro Jahr, bei Frauen um 1,3 bis 2,4 Prozentpunkte. Der Rückgang der Inzidenz wurde vor allem in der Screening-Altersgruppe beobachtet.
  • Einige Länder hatten während des Untersuchungszeitraums einladungsbasierte Vorsorgeprogramme mit immunologischen Stuhltests eingeführt und konnten hohe Teilnahmeraten erzielen, etwa Belgien, Dänemark oder die Niederlande. Dabei stieg während der ersten Jahre nach dem Start die Inzidenz von Karzinomen im Stadium I zunächst scheinbar an, und sank in den darauffolgenden Jahren. Hier wurden bereits bestehende, aber klinisch noch nicht diagnostizierte Karzinome früher erkannt, was die Heilungschancen erheblich verbesserte.
  • In Ländern, die keine bevölkerungsweiten Programme zur Darmkrebsvorsorge anbieten, etwa Bulgarien, Estland, Norwegen, stieg die Inzidenz um bis zu 1,9 Prozentpunkte pro Jahr bei Männern; bei Frauen um bis zu 1,1 Prozentpunkte.
  • Der Rückgang der Inzidenz fiel für Tumoren im unteren Bereich des Dickdarms insgesamt deutlicher aus. Die wahrscheinliche Ursache dafür ist, dass Krebsvorstufen im oberen ("proximalen") Bereich des Dickdarms sowohl mit dem Stuhltest als auch bei der Darmspiegelung schlechter zu erkennen sind und außerdem andere biologische Eigenschaften aufweisen, so dass sie häufiger zu bösartigen Tumoren entarten.
  • Auch die Darmkrebssterblichkeit sank am deutlichsten in Ländern, die bereits frühzeitig Screeningprogramme eingeführt hatten, darunter Österreich (-3,2 Prozentpunkte pro Jahr bei Männern, -3,5 bei Frauen), Tschechien (Männer: -3,8; Frauen: -3,9) und Deutschland (Männer: -2,6; Frauen: -3,1).

In Ländern, die kein Screening anbieten, ging die Darmkrebssterblichkeit zwar auch geringfügig zurück, was die Autoren mit Fortschritten in der Diagnose und Behandlung der Erkrankung erklären. „Insgesamt gilt aber in allen Ländern: Je höher die Teilnahmeraten an den Screeningprogrammen, desto deutlicher sinken Inzidenz und Sterblichkeit", sagt Studienleiter Hermann Brenner. „In Deutschland haben wir hervorragende Vorsorgeangebote, die bei besserer Nutzung aber noch viel stärkere Effekte haben könnten. Ziel sollte eine Halbierung der Erkrankungs- und Sterbefälle innerhalb der nächsten zehn Jahre sein. Wir sollten daher alles daransetzen, dies mit verbesserten Einladungsverfahren zu erreichen", so sein eindringlicher Appell an die Gesundheitspolitik.

Rafael Cardoso et al.: Divergent trends in colorectal cancer incidence, mortality, and stage distribution in European countries in the colorectal cancer screening era: an international population-based study
Lancet Oncology 2021, https://doi.org/10.1016/S1470-2045(21)00199-6 

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1.300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Beim Krebsinformationsdienst (KID) des DKFZ erhalten Betroffene, interessierte Bürger und Fachkreise individuelle Antworten auf alle Fragen zum Thema Krebs. Gemeinsam mit Partnern aus den Universitätskliniken betreibt das DKFZ das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) an den Standorten Heidelberg und Dresden, in Heidelberg außerdem das Hopp-Kindertumorzentrum KiTZ. Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines Helmholtz-Zentrums an den NCT- und den DKTK-Standorten ist ein wichtiger Beitrag, um vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik zu übertragen und so die Chancen von Krebspatienten zu verbessern. Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.

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