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Spuren der Unsterblichkeit im Tumorerbgut

Nr. 06 | 05.02.2020 | von Koh

Krebszellen sind für ihre Unsterblichkeit darauf angewiesen, ihre als „Telomere" bezeichneten Chromosomenenden zu erhalten. Dies erreichen sie auf verschiedene Weise. Durch welche Veränderungen im Erbgut sich diese Mechanismen bemerkbar machen, untersuchten Wissenschaftler aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum systematisch in über 2500 Tumorgenomen von 36 verschiedenen Krebsarten. Die aktive Verlängerung der Telomere ist eine Achillesferse aller Krebszellen und damit ein wichtiger Ansatzpunkt für die Entwicklung gezielter Therapien. Die Arbeit ist Teil der „Pan-Cancer Analysis of Whole Genomes" (PCAWG).

Intakte Telomere, die Endstrukturen der Chromosomen, sind Voraussetzung für die Unsterblichkeit von Tumorzellen
© AJC1, Wikimedia Commons

Gesunde Körperzellen haben ein natürliches Verfallsdatum, das durch die Länge ihrer Telomere definiert ist. Die Telomere sind Bestandteile der DNA und schützen die Enden der Chromosomen. Doch mit jeder Zellteilung verkürzen sie sich, bis schließlich eine Mindestlänge erreicht ist – das Telomer ist quasi aufgebraucht. Lediglich Stammzellen produzieren das so genannte Unsterblichkeitsenzym Telomerase, das die Telomere wieder verlängern kann. Alle übrigen Zellen stellen nach etwa 50 Zyklen die Zellteilung ein.

Für ihre unbegrenzte Teilungsaktivität sind Krebszellen auf intakte Telomere angewiesen. Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass etwa 85 Prozent aller Tumoren die Telomerase über verschiedene Mechanismen hochregulieren. Die übrigen Tumoren nutzen alternative Mechanismen der Telomerverlängerung.

Um insbesondere diese bislang weniger erforschten alternativen Mechanismen besser zu verstehen, hat ein Forscherteam unter der Leitung von Lars Feuerbach vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) nun die Genomsequenzen von mehr als 2500 Tumorproben untersucht. Die Arbeit ist Teil des „Pan-Cancer Analysis of Whole Genomes" (PCAWG).

Bei insgesamt nur 13 Prozent der untersuchten Fälle fanden die PCAWG-Forscher Erbgutveränderungen, die auf einen der beiden bekannten Mechanismen zur Telomerverlängerung hinweisen. Erstautorin Lina Sieverling erklärt: „Bei der überwiegenden Mehrzahl der untersuchten 2500 Krebsfälle haben wir eine erhöhte Aktivität des Telomerase-Gens beobachtet, ohne jedoch Veränderungen des Genoms zu erkennen, die dies erklären könnten. Dafür könnten unter anderem epigentische Faktoren verantwortlich sein, die keine Spuren im Genom hinterlassen."

Von den 13 Prozent derjenigen Tumoren, deren Erbgut Hinweise auf Telomerverlängerung aufwies, betrafen nur 64 Fälle die alternativen Mechanismen. Bei diesen Tumoren entdeckten die Forscher zwei Auffälligkeiten: Telomere sind normalerweise aus hunderten von Wiederholungen der immer gleichen Abfolge von sechs DNA-Bausteinen aufgebaut. Bei den alternativ verlängerten Telomeren finden sich aber häufig Varianten dieser klassischen Telomersequenzen. Außerdem sind bei diesen Tumorzellen sehr häufig kurze Bruchstücke der Telomere in andere Teile des Genoms eingebaut.

Es ist bekannt, dass bei bestimmten Krebsarten, insbesondere bei Kindern, die Aggressivität des Tumors auch mit dem Mechanismus zusammenhängt, mit dem die Telomere der Krebszellen verlängert werden. Dies gilt etwa für Medulloblastome, die eine schlechtere Prognose haben, wenn die Krebszellen den alternativen Mechanismus nutzen.

„Wir können im Moment noch nicht sagen, ob und welche Bedeutung diese beiden Befunde haben und ob sie den Verlauf der Krebserkrankungen beeinflussen", erklärt Studienleiter Lars Feuerbach und ergänzt: „Die aktive Verlängerung der Telomere ist eine Achillesferse aller Krebszellen und damit ein wichtiger Ansatzpunkt für die Entwicklung gezielter Therapien. Dafür ist eine präzise Kenntnis aller dahinterstehenden molekularen Vorgänge entscheidend."

Genomic footprints of activated telomere maintenance mechanisms in cancer: Lina Sieverling, Chen Hong, Sandra D. Koser, Philip Ginsbach, Kortine Kleinheinz, Barbara Hutter, Delia M. Braun, Isidro Cortés-Ciriano, Ruibin Xi, Rolf Kabbe, Peter J. Park, Roland Eils, Matthias Schlesner, PCAWG-Structural Variation Working Group, Benedikt Brors, Karsten Rippe, David T.W. Jones, Lars Feuerbach & PCAWG Consortium
Nature Communications 2020. DOI:10.1038/s41467-019-13824-9

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1.300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Beim Krebsinformationsdienst (KID) des DKFZ erhalten Betroffene, interessierte Bürger und Fachkreise individuelle Antworten auf alle Fragen zum Thema Krebs. Gemeinsam mit Partnern aus den Universitätskliniken betreibt das DKFZ das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) an den Standorten Heidelberg und Dresden, in Heidelberg außerdem das Hopp-Kindertumorzentrum KiTZ. Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines Helmholtz-Zentrums an den NCT- und den DKTK-Standorten ist ein wichtiger Beitrag, um vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik zu übertragen und so die Chancen von Krebspatienten zu verbessern. Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.

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