Kommunikation und Marketing

Von der Idee zur Akzeptanz - Wie Wissen in die Welt gelangt

Nr. 17 | 21.04.2010 | von (Sel)

Wissenschaftsphilosoph untersucht das Entstehen von Wissen am Deutschen Krebsforschungszentrum.

Wie werden aufsehenerregende Ideen zu einem weithin akzeptierten Wissen? Wie wird aus Hypothesen Gewissheit? Über welche Wege und mittels welcher Worte gelangen Ergebnisse wissenschaftlicher Experimente in Lehrbücher und die Öffentlichkeit, werden dorthin „übertragen“? Mit solchen Fragen beschäftigt sich seit kurzem der Wissenschaftsphilosoph Dr. Rainer Becker. Er begleitet am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in den nächsten drei Jahren die Abteilung von Professor Dr. Frank Rösl, die sich mit krebserregenden Viren beschäftigt. Er ist einer von drei Forschern in einem interdisziplinären Verbundprojekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit insgesamt rund 790.000 Euro gefördert wird.

Beckers Aufgabe in Heidelberg ist eingebettet in das Forschungsprojekt „Übertragungswissen – Wissensübertragungen - Zur Geschichte und Aktualität des Transfers zwischen Lebens- und Geisteswissenschaften.“ Es wird vom DKFZ gemeinsam mit dem Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) in Berlin durchgeführt. Projektleiter sind Prof. Dr. Frank Rösl vom DKFZ und Dr. Falko Schmieder vom ZfL. In drei Teilprojekten werden Formen des „Übertragens“ von Wissen in Bezug auf drei verschiedene wissenshistorische Konstellationen kulturwissenschaftlich untersucht.

Das erste Projekt widmet sich in Berlin dem Mediziner und Wissenschaftstheoretiker Ludwik Fleck. Er veröffentlichte im Jahr 1935 in seinem Buch „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache“ eine wissenssoziologische Geschichtsschreibung des Syphilisbegriffes im Kontext der Bakteriologie. Das zweite Projekt, ebenfalls in Berlin bearbeitet, nähert sich dem französischen Biochemiker und Genetiker Jacques Monod: Dieser hat in den 1970er Jahren neue Konzepte der Genregulation in die Molekularbiologie eingeführt – und später hieraus eine vieldiskutierte Naturphilosophie entwickelt.

Das dritte Projekt schließlich, das Rainer Becker am DKFZ bearbeitet, widmet sich der Frage nach der Bedeutung aktueller Wissenskonzepte – wie etwa jenem, das Krebs als Folge von Virusinfektionen begreift und experimentell untersucht.

„Ich freue mich, dass wir disziplinär grenzüberschreitend die Relevanz der Tumorvirologie untersuchen und erhoffe mir grundsätzliche Einblicke darüber, wie wissenschaftliche Diskurse entstehen und wie sie in wissenschaftlichen Denkkollektiven schließlich akzeptiert werden“, beschreibt der Abteilungsleiter Frank Rösl die Bedeutung des gegenwärtigen Projekts.

Rainer Becker schrieb seine Dissertation als Mitarbeiter am Institut für Philosophie der TU Darmstadt. Dort untersuchte er parallel die Sozialgeschichte des Computers und der „Universalwissenschaft“ Kybernetik. Bereits hier kreuzte er thematisch die Grenzen von Geistes- und Naturwissenschaft: „Während meiner Dissertation habe ich mir die Frage nach „Übertragungen“ gestellt – und zwar zwischen Technik, Naturwissenschaft und Philosophie in den 1940er Jahren: Das Entstehen von Computern und Kybernetik wäre ohne vorhergehende begriffliche, aber auch metaphorische „Transfers“ zwischen Lebens- und Technikwissenschaften niemals möglich geworden.“

Bei seinem künftigen Projekt erforscht der Philosoph nun quasi „in Echtzeit“, wie naturwissenschaftliche Daten erhoben, verarbeitet und kommuniziert werden. Als „Wissenschaftsforscher“ beobachtet er aus geistes- und kulturwissenschaftlicher Perspektive direkt das Handeln im Labor, recherchiert in Archiven und führt Interviews mit den Wissenschaftlern. Dabei ist das Projekt nicht von ungefähr am DKFZ angesiedelt. Denn hier werden Erkenntnisse biologischer Grundlagenforschung medizinisch und öffentlich relevant – so führte etwa die Nobelpreis-gekrönte Entdeckung des langjährigen Stiftungsvorstands des Zentrums, Professor Harald zur Hausen, dass bestimmte Viren Gebärmutterhalskrebs auslösen, zur Impfung gegen diese Krebsart.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1.300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Beim Krebsinformationsdienst (KID) des DKFZ erhalten Betroffene, interessierte Bürger und Fachkreise individuelle Antworten auf alle Fragen zum Thema Krebs. Gemeinsam mit Partnern aus den Universitätskliniken betreibt das DKFZ das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) an den Standorten Heidelberg und Dresden, in Heidelberg außerdem das Hopp-Kindertumorzentrum KiTZ. Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines Helmholtz-Zentrums an den NCT- und den DKTK-Standorten ist ein wichtiger Beitrag, um vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik zu übertragen und so die Chancen von Krebspatienten zu verbessern. Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.

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