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Datenqualität

Als indirekte Indikatoren für die Qualität der Todesursachenstatistik werden gewöhnlich die Autopsierate sowie die Zahl der Krebstodesfälle mit mangelhafter Bezeichnung des genauen Sitzes oder ohne nähere Bezeichnung des Sitzes der betreffenden bösartigen Neubildung (ICD 195 - 199) betrachtet. Ein direktes Qualitätskriterium ist der Abgleich der Angaben auf den Todesbescheinigungen mit der ärztlichen Diagnose der zum Tode führenden Krankheit bzw. dem pathologischen Befund.

Die Autopsierate ist in Westdeutschland mit 8 % sehr viel niedriger als in der ehemaligen DDR mit 25 %. Auch andere europäische Länder weisen weitaus höhere Anteile an Autopsien auf. In Mitteleuropa liegt die niedrigste Rate bei 9 % in Polen und die höchste bei knapp 50 % in Ungarn (Lee 1994).

Tumoren mit mangelhafter Bezeichnung des genauen Sitzes oder ohne nähere Bezeichnung des Sitzes der betreffenden bösartigen Neubildung (ICD 195 - 199) waren als Todesursache bis Mitte der 70er Jahre so häufig, daß diese Angabe damals die fünfthäufigste Krebstodesursache unter Männern und die vierthäufigste unter Frauen darstellte. Erst seit Beginn der 80er Jahre gehen die Raten deutlich zurück, liegen aber auch heute noch unter den zehn häufigsten Krebstodesursachen bei beiden Geschlechtern (Abbildung 1 und Grafik zu den 20 häufigsten Krebstodesursachen im nächsten Kapitel).

Hohe Raten in dieser Todesursachengruppe implizieren zwangsläufig eine Untererfassung der "wahren" Krebstodesursache. Der Rückgang der Raten bedeutet, daß die Angaben auf den Todesbescheinigungen über die Jahrzehnte genauer wurden, so daß bei jenen Krebstodesursachen zwangsläufig ein artefizieller Anstieg der Raten eintrat. Dies muß bei der Interpretation der säkularen Entwicklung der Sterblichkeit an den einzelnen Krebsarten jeweils berücksichtigt werden.

Die kartographischer Präsentation dieser Daten wird in Abweichung von der ansonsten in dem Atlas geltenden Darstellungsweise mit absoluter Skalierung, aber für den gesamten Zehnjahres-Zeitraum, wiedergegeben. Die Karten veranschaulichen im Vergleich zu denjenigen für die Einzellokalisationen die vergleichsweise große Häufigkeit der Nennung einer mangelhaft bezeichneten Krebstodesursache im westlichen Teil Deutschlands. Für die ehemalige DDR ist erkennbar, daß diese unspezifizierten Angaben zu Krebstodesursachen offenbar gemieden wurden. Die Karten machen weiterhin sichtbar, daß innerhalb der beiden Landesteile auch regionale Unterschiede in der Bereitschaft existieren, einen mangelhaft bezeichneten Sitz des Primärtumors als Todesursache zu nennen

Direkte Abgleiche der Angaben auf Todesbescheinigungen mit ärztlichen Diagnosen bzw. pathologischen Befunden wurden vielfach vorgenommen. Übersichten findet man in Boyle (1989) und Lee (1994). Generell zeigt sich, daß man bei einem Erfassungsgrad von 70 - 80 % von einer Untererfassung maligner Tumoren ausgehen muß. Die Genauigkeit der Angaben ist dabei unterschiedlich für die verschiedenen Krebslokalisationen und ist im höheren Altersbereich geringer als im jüngeren (Modelmog et al. 1992, Hoel et al. 1993, Lee 1994, Ron et al. 1994). Eine Steigerung der Qualität der Angaben auf Todesbescheinigungen erscheint demnach weiterhin dringend geboten.

Eine hierzulande durchgeführte Untersuchung ergab, daß 25 % der befragten Ärzte die Existenz der Todesursachenstatistik nicht bekannt war. Einem weiteren Drittel der Ärzte war nicht bewußt, daß jede Todesbescheinigung in diese Todesursachenstatistik eingeht (Müller und Bocter 1990). Ein erster Schritt zur Qualitätssteigerung der Todesursachenstatistik wäre demnach die Behebung dieses Informationsdefizits und die Unterstreichung der Relevanz genauer Angaben auf Todesbescheinigungen für Gesundheitspolitik und Wissenschaft.

Ein spezifisches Problem, das mit indirekten Qualitätsindikatoren nicht erfaßt werden kann, und das mit direkten Abgleichen bis auf die bereits zitierte Arbeit (Modelmog et al. 1992) noch nicht ausreichend untersucht ist, ergibt sich hinsichtlich der Validität der Mortalitätsdaten der ehemaligen DDR. Wie oben bereits erwähnt, wurde in diesem Landesteil die Verschlüsselung der Todesursachen unmittelbar von dem Arzt vorgenommen, der auch die Todesbescheinigung ausfüllte, und danach nur noch vom Kreisarzt überprüft. Darüber hinaus waren keine Maßnahmen zur Qualitätssicherung vorgesehen.

Nach der Vereinigung der beiden Landesteile und der Einführung der westdeutschen Signierverfahren in den östlichen Bundesländern konnte zwischen den Jahren 1990 und 1991 ein Strukturbruch in der Todesursachenstatistik des östlichen Landesteiles beobachtet werden (Brückner 1993). So ging die Zahl der Todesfälle mit der Angabe von Herz-Kreislaufkrankheiten (ICD 390 - 459) als Todesursache um 4.5 % und von Krankheiten der Atmungsorgane (ICD 460 - 519) um 12.6 % zurück. Dagegen stieg die Zahl der Todesfälle mit der Angabe einer bösartigen Neubildung (ICD 140 - 208) als Todesursache um 13.3 % an. Die detaillierten Daten der einzelnen Kapitel werden zeigen, daß der Bruch bei den bösartigen Neubildungen auf einem Defizit von Krebssterbefällen im Jahr 1990 und in den vorausgegangenen Jahren beruht, und daß dieses Defizit in erster Linie im älteren Altersbereich auftritt (siehe auch Modelmog et al. 1992).

Im Unterschied zu anderen Verschiebungen in der gesamten Todesursachenstatistik kann diese Untererfassung nicht mit einer mangelnden Einhaltung der Regeln der WHO zur Ermittlung des Grundleidens erklärt werden. Die Inzidenzdaten des Krebsatlas der ehemaligen DDR zeigen, daß die altersabhängige Inzidenz in Übereinstimmung mit den im Kapitel Die Krebsmortalität im Überblick präsentierten Daten im höheren Altersbereich langsamer ansteigt als im Westen bzw., entgegen den international bekannten Daten, im höchsten Altersbereich abknickt.

Dieses Phänomen ist bisher nicht vollständig aufgeklärt. Eine Deutungsmöglichkeit besteht darin, daß bei älteren Personen in der ehemaligen DDR weniger diagnostische und therapeutische Möglichkeiten zur Verfügung standen als in den jüngeren Altersgruppen bzw. im westlichen Teil Deutschlands (Ziegler & Stegmaier 1996). Insgesamt bedürfen die in der Todesursachenstatistik der ehemaligen DDR zutage getretenen Inkonsistenzen, insbesondere bei den Krebskrankheiten, noch einer weiteren Analyse.

Letzte Aktualisierung: 06.11.2007 Seitenanfang