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Regionale Unterschiede der Krebssterblichkeit


Die kartographischen Darstellungen lassen bei einigen Krebsarten regionale Unterschiede in der Sterblichkeit erkennen, die zum überwiegenden Teil auf Unterschiede im Zigarettenkonsum (Lungenkrebs), Alkoholkonsum (Mundhöhlen-, Speiseröhren-, Kehlkopfkrebs) oder Ernährungsverhalten (Magenkrebs) zurückzuführen sind. Bei Lungenkrebs sind darüberhinaus außergewöhnliche berufliche Expositionen in bestimmten Regionen (Wismut) auf den Karten erkennbar. Auch in bestimmten Gebieten Westdeutschlands (Niederrhein und Ruhr, Regionen des Saarlandes) tragen vermutlich berufliche Belastungen sowie möglicherweise auch Schadstoffe in der Außenluft zu auf den Karten erkennbar erhöhten Risiken bei. Für diese Situationen gelten die oben bzw. in den jeweiligen Kapiteln gegebenen Hinweise auf Prävention in besonderer Weise. Bei vielen Krebsarten lassen die kartographischen Darstellungen jedoch keine klaren Häufigkeitsmuster erkennen.

In den vergangenen Jahren wurden viele Anstrengungen zur wissenschaftlichen Bewertung regionaler Häufungen von Krebsfällen und "Clustern" unternommen und Erfahrungen im Umgang damit gesammelt. Allzu oft zeigten sich, gerade im Umgang mit Krebsatlanten, grundlegende Mißverständnisse über Sinn und Zweck einer solchen Darstellung der Krebslandschaft. Daher sollen hier einige Kernpunkte zur Interpretation des Datenmaterials angeboten werden. Weiterführende Überlegungen finden sich z. B. in Becker & Wahrendorf (1991) oder in Becker (1995).


  1. Die Karten zeigen die Krebssterblichkeit in den Jahren zwischen 1981 und 1990. Aufgrund der z.T. sehr langen Latenzzeiten bei den verschiedenen Krebsarten, d.h. der Zwischenzeit zwischen einer expositionsbedingten Induktion der Krebsentstehung und der Diagnose einer Krebserkrankung, zeichnen diese Abbildungen Risikomuster nach, die mindestens 10 Jahre (z.B. bei tabakbedingtem Lungenkrebs), teilweise aber auch bis zu 40 Jahre (z.B. bei bestimmten Risikofaktoren für Magenkrebs) zurückliegen. Zum einen können daher die auf den Karten erkennbaren Muster auf keinen Fall mit eventuell sogar erst in den 80er Jahren neu aufgetretenen Risiken in Verbindung gebracht werden. Zum anderen bedeutet eine in bestimmten Gebieten erhöhte Krebssterblichkeit nicht unbedingt, daß das diesem Befund zugrundeliegende Risikomuster auch heute noch existiert (z.B. Magenkrebs in Bayern). Aus einer erhöhten Krebssterblichkeit folgt daher nicht zwangsläufig ein unmittelbarer Handlungsbedarf.

  2. Unter Beachtung der im vorherigen Punkt formulierten Maßgabe gilt für die Interpretation der Karten, daß, wenn keine deutlich ausgeprägten Sondereinflüsse bekannt sind, für regionale Häufigkeitsunterschiede grundsätzlich diejenigen Risikofaktoren verantwortlich sind, die auch allgemein für die jeweilige Krebsart bekannt sind, und zwar in der Reihenfolge ihrer allgemein geltenden Gewichtung. Beispielsweise sind regionale Sterblichkeitsunterschiede an Lungenkrebs in erster Linie auf Unterschiede im Rauchverhalten zurückzuführen, das den bei weitem dominierenden Risikofaktor darstellt. Berufliche oder Umweltfaktoren kommen nur in Betracht, wenn sie in einer Region in einem derartigen Ausmaß zu einer Risikoerhöhung führen, daß diese über den dominierenden Effekt des Rauchens hinaus erkennbar wird. Wismut ist ein Beispiel dafür, daß solche Situationen auftreten können. Es ist zugleich auch ein Beispiel für einen stark ausgeprägten Sondereinfluß, der vorliegenden muß, um in den entsprechenden Krebskarten erkennbar werden zu können.

  3. Weiß man über die Ursachen einer Krebsart vergleichsweise wenig (z.B. Prostatakrebs, Leukämien), dann kann auch die Ursache für eine in einer Region erhöhten Sterblichkeit an dieser Tumorart vorläufig nicht aufgeklärt werden. Eines der traditionellen Ziele von Krebsatlanten ist zwar, für Krebsarten, bei denen das Wissen über die Ursachen unzureichend ist, Gebiete mit erhöhtem Risiko zu identifizieren, die für die Ursachenforschung besonders geeignet erscheinen. Aufgrund der spezifischen Rahmenbedingungen, denen die Epidemiologie als eine nicht-experimentell vorgehende Wissenschaft unterworfen ist, sind dafür jedoch nicht in jeder Region die Bedingungen günstig. Wo eine epidemiologische Studie sinnvoll erscheint, entscheidet sich deshalb nicht anhand der Stärke einer Risikoerhöhung in einer Region, sondern anhand der Frage, ob in der betreffenden Region aufgrund der vorgefundenen Datenlage die Aussichten gut sind, durch ein Forschungsprojekt eine über das bestehende Wissen hinausgehende Erkenntnis zu gewinnen.

  4. Grundsätzlich ist zu beachten, daß die diesen Karten zugrundeliegenden Daten Zufallsschwankungen unterworfen sind, die zwangsläufig deutlich erhöhte Werte, sogar einschließlich ‘statistischer Signifikanz’, mit sich bringen sowie auch deutlich erniedrigte Werte, die erfahrungsgemäß jedoch weniger Beachtung finden. Diese Schwankungen überlagern eventuell vorhandene reale regionale Unterschiede in den zugrundeliegenden Risikomustern, wobei die Unterscheidung, ob Unterschiede real oder zufällig sind, aus methodischen Gründen häufig unmöglich ist (siehe hierzu die oben zitierten Arbeiten).


Kartographische Darstellungen von regionalen Unterschieden in der Krebssterblichkeit werden gewöhnlich primär dazu verwendet, Gebiete mit erhöhter Mortalität zu identifizieren und nach Gründen für die Erhöhung zu suchen. Unter präventivmedizinischen Gesichtspunkten sollten jedoch Regionen mit persistierend niedriger Krebssterblichkeit mindestens ebenso große Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie können Hinweise auf das innerhalb des eigenen Landes und unter den gegebenen sozioökonomischen Bedingungen bereits verfügbare Potential an Prävention von Erkrankung und Tod an bösartigen Neubildungen bieten.


Letzte Aktualisierung: 06.11.2007 Seitenanfang