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Spurensuche im Erbgut von Blutkrebs: Meyenburg-Preis 2012 geht an Charles G. Mullighan

Nr. 59 | 26.11.2012 | von Koh

Der mit 50.000 Euro dotierte Meyenburg-Preis 2012 geht an den Arzt und Forscher Charles G. Mullighan. Er erhält die Auszeichnung für seine herausragende Arbeit zur Identifizierung von Erbgutveränderungen, die dazu führen, dass Leukämie entsteht. Mullighan analysierte systematisch das Tumorerbgut der Blutkrebszellen, um neuartige Möglichkeiten zu finden, leukämiekranke Kinder zu behandeln. Der Meyenburg-Preis wird am Dienstag, dem 27. November 2012, im Rahmen eines Symposiums im Deutschen Krebsforschungszentrum verliehen.

Vergrößerte Ansicht Charles G. Mullighan | © dkfz.de

Die akute lymphatische Leukämie (ALL), die häufigste Krebserkrankung bei Kindern, entsteht aus den Vorläufern der Lymphozyten im Knochenmark. In Deutschland erkranken pro Jahr etwa 500 Kinder an diesem aggressiven Blutkrebs. Die meisten kleinen Patienten, die an einer ALL erkranken, können mit einer Chemotherapie geheilt werden. Diejenigen jedoch, die einen Rückfall erleiden, haben eine schlechte Prognose und reagieren nicht mehr auf die Medikamente.

Charles G. Mullighan ging mit seiner Arbeit der Frage auf den Grund, warum es bei dieser Erkrankung zu so ausgeprägten Unterschieden in der Aggressivität und im Therapieansprechen kommt. Er setzte dabei auf die Genomanalyse und überprüfte Genaktivitätsprofile und entschlüsselte detailliert das Tumorerbgut. Er verglich einerseits das Tumorerbgut größerer Gruppen kranker Kinder, um bei Erkrankungen mit übereinstimmenden Merkmalen nach charakteristischen Erbgutveränderungen zu suchen, die als Zielstruktur für neuartige Therapien dienen könnte. Zum anderen ist er Pionier bei der Suche nach spezifischen Genveränderungen, die für die Therapie individueller Patienten genutzt werden können.

So fand er beispielsweise heraus, dass sich ALL-Zellen zum Zeitpunkt der Erstdiagnose und bei einem späteren Rückfall dramatisch in der Kopienzahl einzelner Gene unterscheiden. Vor allem betroffen sind solche Erbanlagen, die Wachstum und Teilung der Krebszellen betreffen. Nur wenige Veränderungen betreffen dagegen Gene, die beim Transport oder Stoffwechsel von Chemotherapeutika eine Rolle spielen. Daher ist offenbar – anders als angenommen – Chemotherapie-Resistenz nicht die Hauptursache für einen Rückfall. Vielmehr scheinen Krebszellen mit neuen Kombinationen von wachstumsfördernden Genen, die ganz neue Eigenschaften aufweisen und die anders behandelt werden müssen, für eine Rückkehr der Krankheit verantwortlich zu sein.

Erst in diesem Jahr entdeckte Mullighan die genetischen Veränderungen, die einer besonders aggressiven Untergruppe der ALL zugrunde liegen. Bei dieser Variante der Leukämie, die von frühen Vorläufern der T-Zellen ausgeht, schlägt oft keines der gängigen Medikamente an. Die Erbgutveränderungen, die Mullighan und seine Kollegen bei dieser Untergruppe der ALL fanden, ähnelten mehr dem Muster an genetischen Defekten, das für eine andere Blutkrebserkrankung typisch ist, die so genannte myeloische Leukämie. Das bedeutet, dass diesen Patienten möglicherweise mit Therapien, die gegen die myeloische Leukämie gerichtet sind, besser geholfen werden kann.

Charles G. Mullighan, M.D., forscht seit 2004 in der Abteilung für Pathologie am St. Jude Children’s Research Hospital in Memphis, Tennessee, USA. Der gebürtige Australier studierte Medizin und Chirurgie an der Universität Adelaide. Seinen Master of Science im Fach medizinische Immunologie machte er an der Universität London, seinen Doktor in Medizin wieder in Adelaide. Am Royal Adelaide Hospital erwarb er seine Ausbildung als Hämatologe. Anschließend ging er 2004 an das St. Jude Children’s Research Hospital und konzentrierte sich dort auf die Biologie der Leukämien.

Anlässlich der Preisverleihung lädt die Meyenburg-Stiftung im Kommunikationszentrum des Deutschen Krebsforschungszentrums am 27. November 2012 ab 15 Uhr zu einem wissenschaftlichen Symposium ein. Hier wird unter anderem auch Robert Schröder, Pilot und Sicherheitsbeauftragter bei der Lufthansa, über menschliches Versagen und Flugsicherheit sprechen. Das vollständige Programm finden Sie unter www.dkfz.de/de/aktuelles/download/Meyenburg-Cancer-Research-Award-Symposium-2012_fin.pdf

Dr. Marion Meyenburg, die Tochter des Stifterehepaars Wilhelm und Maria Meyenburg, wird den Preis zum Ende des Symposiums persönlich überreichen. Die Auszeichnung, die seit 1981 jährlich für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Krebsforschung vergeben wird, gehört zu den am höchsten dotierten Wissenschaftspreisen in Deutschland. Der Stellenwert dieser Auszeichnung zeigt sich auch daran, dass einige der Meyenburg-Preisträger mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet wurden. Dr. Andrew Fire, Meyenburg-Preisträger 2002, wurde im Jahr 2006 der Medizin-Nobelpreis verliehen. 2009 erhielt Dr. Elizabeth Blackburn, die Meyenburg-Preisträgerin des Jahres 2006, den Nobelpreis für Medizin. Und in wenigen Tagen wird Shinya Yamanaka, Meyenburg-Preisträger 2007, den diesjährigen Nobelpreis für Medizin aus der Hand des schwedischen Königs entgegennehmen.

Termin: Dienstag, 27. November 2012, 15 bis 18.30 Uhr,
Kommunikationszentrum des Deutschen Krebsforschungszentrums

Journalisten und interessierte Bürger sind herzlich eingeladen.

Ein Foto von Charles G. Mullighan steht im Internet zur Verfügung unter:
www.dkfz.de/de/presse/pressemitteilungen/2012/images/59-Charles-Mullighan.jpg

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krebsinformationsdienstes (KID) klären Betroffene, Angehörige und interessierte Bürger über die Volkskrankheit Krebs auf. Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Heidelberg hat das DKFZ das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg eingerichtet, in dem vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik übertragen werden. Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines Helmholtz-Zentrums ist ein wichtiger Beitrag, um die Chancen von Krebspatienten zu verbessern. Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren.

Letzte Aktualisierung: 26.11.2012 Seitenanfang