Arbeitsgruppe Neuroinflammation
Prof. Dr. Ricarda Diem
Nachdem die Bedeutung von Neurodegeneration bei der multiplen Sklerose (MS) viele Jahrzehnte unterschaetzt wurde, gilt sie inzwischen als das strukturelle Korrelat der bleibenden neurologischen Behinderung. Dabei bestimmt das Ausmaß neurodegenerativer Veränderungen den Zeitpunkt des Übergangs in die sekundär chronisch progrediente Verlaufsform der Erkrankung. Sämtliche zur Verfügung stehende Therapien der MS sind jedoch auf entzündliche Komponenten gerichtet und die dadurch erreichte sekundäre Neuroprotektion bleibt deutlich hinter den Erwartungen. Keine der zugelassenen immunmodulatorischen oder immunsuppressiven Therapien führt zu einer wesentlichen Verminderung der langfristigen Behinderung. Primär neuroprotektive Therapieansätze existieren nicht.
Zur
Untersuchung der Mechanismen der Neurodegeneration nutzen wir Modelle der MS. Das
Modell der experimentellen autoimmunen Enzephalomyelitis, welches durch
Immunisierung mit Myelin Oligodendrozyten Glykoprotein ausgelöst wird,
manifestiert sich u.a. durch einen entzündlichen Befall des Sehnerven. Dieser
Sehnervenbefall ist charakterisiert durch Immunzell-Infiltration und
Demyelinisierung, führt jedoch auch zu einem Zelltod von retinalen
Ganglienzellen (RGZ), den Neuronen, deren Axone den Sehnerven bilden.
Zusätzlich zur Degeneration von RGZ in manifesten Krankheitsstadien als Folge
der entzündlich bedingten axonalen Schädigung zeigt sich eine Degeneration von
RGZ in frühen, prä-klinischen Phasen. Dieser frühen Neurodegeneration liegen
möglicherweise Mechanismen zugrunde, die in der Retina selbst oder im
Sehnervenkopf liegen und mit einer lokalen Schwäche der Blut-Hirnschranke oder
Blut-Retina-Schranke zusammenhängen. Diese Befunde könnten auch hilfreich sein,
Mechanismen der Myelin-unabhängigen Neurodegeneration in normal erscheinender
weißer Substanz oder kortikalen MS-Läsionen besser zu verstehen.In unserer Arbeitsgruppe haben wir ein Spektrum von Methoden etabliert, welches elektrophysiologische und histopathologische Techniken beinhaltet, außerdem Magnetresonanztomographie und Kalzium-Imaging. Unser langfristiges Ziel besteht im Transfer von prä-klinischen Daten in klinische Studien zur Neuroprotektion bei der MS. Nachdem z. B. experimentelle Studien in Modellen der MS und autoimmunen Sehnerventzündung eine neuroprotektive Wirksamkeit von Erythropoietin als Begleit-Therapie zu Methylprednisolon gezeigt hatten, haben wir diese Behandlung nun in einer doppel-blinden, Plazebo-kontrollierten Phase II-Studie an Patienten mit akuter Optikusneuritis gestestet. Dabei zeigte sich eine Protektion von RGZ sowie eine Verbesserung von funktionellen Parametern des Sehvermögens.
Ausgewählte Publikationen
- Fairless R, Williams SK, Hoffmann DB, Stojic A, Hochmeister S, Schmitz F, Storch MK, Diem R (2012). Preclinical retinal neurodegeneration in a model of multiple sclerosis J Neurosci, in press.
- Sühs KW, Hein K, Sättler MB, Görlitz A, Ciupka C, Scholz K, Käsmann-Kellner B, Papanagiotou P, Schäffler N, Restemeyer C, Bittersohl S, Hassenstein A, Seitz B, Reith W, Fassbender K, Hilgers R, Heesen C, Bähr M, Diem R (2012). A randomized, double-blind, phase II study on erythropoietin in optic neuritis. Ann Neurol, in press.
- Williams SK, Fairless R, Weise J, Kalinke U, Schulz-Schaeffer W, Diem R (2011). Neuroprotective effects of the cellular prion protein in autoimmune optic neuritis (2011) Am J Pathol 178: 2823-31.
- Gadjanski I, Boretius S, Williams SK, Lingor P, Knöferle J, Sättler MB, Fairless R, Hochmeister S, Sühs KW, Michaelis T, Frahm J, Storch MK, Bähr M, Diem R (2009). Role of N-type voltage-dependent calcium channels in autoimmune optic neuritis Ann Neurol 66: 81-93.